Skizzen & Notizen

Vom Trinken und Beten

Dublins Kathedralen

Was zieht die Menschen in die irische Hauptstadt? Die Kneipen und die Kirchen, wenn man dem am 16. August 2002 im Alter von 75 Jahren verstorbenen Éamonn Mac Thomáis glaubt:

Buchcover... Dublin ist eine großartige Stadt, zum Trinken und zum Beten. An Pubs und Kirchen wird es Ihnen nicht mangeln. Wir haben zweieinhalb Kathedralen, und war da nicht jemand, der noch eine am Merrion Square bauen wollte? Jetzt höre ich, dass wir eine weitere Halb-Kathedrale in die Westland Row bekommen sollen. Es war Roe’s Whiskey, der das Dach auf die Christ Church Cathedral gesetzt, und das Porter von Guinness, das die St. Patrick’s Cathedral für Stadt und Nation restauriert hat.

Keine Frage, Trinken und Religion gehen Hand in Hand. Christus’ erstes Wunder verwandelte Wasser nicht in Limonade! Nein, es war Wein, und ich denke kein schlechter Tropfen. Und hatte St. Patrick nicht seinen Braumeister Mescan zur Hand, als er 448 nach Dublin kam? Im Jahr 1610 gab es in Dublin 91 Brauereien, 1.180 Kneipen und 39 Kapellen und Kirchen.

Es war Dr. Price, der Erzbischof von Cashel, der Arthur Guinness den Anstoß zum Bierbrauen gab. Sein Vater war ein Grundstücksverwalter des Bischofs, und Arthur braute ihm oft ein paar Eimer Tafelbier zusammen. Der Bischof mochte den Tropfen und erkannte, dass der junge Arthur einen erstklassigen Stoff produzierte. Das Lob stieg dem jungen Arthur zu Kopf, und so begann er flügge geworden mit dem Geschäft.

Wenn Sie einen frommen Dubliner fragen, wie man von der Dame Street zur Guinnessbrauerei kommt, wird er wie folgt antworten: “Gehen Sie an der Christ Church hoch, doch nicht den Hügel herum nach St. Patrick’s, sondern weiter zur neuen St. Audoen’s Church. Von da aus zur alten St. Audoen’s Church, dann an der John’s Lane Church vorbei zu St. Catherine’s und vor der St. James’s Church links ab. St. James’s können Sie nicht verpassen, sie liegt fast genau gegenüber der anderen St. James’s Church auf der and’ren Seite. Ja, hmm, das war’s, gern gescheh’n und Gott schütze Sie.”

Soweit aus dem Englischen übersetzt Éamonn MacThomáis. Die Erwähnung von zwei ganzen und einer halben Kathedrale machte mich dann neugierig und ich zog ein paar Erkundigungen ein.

Beginnen wir mit den ‘ganzen’ Kathedralen. Die Christ Church ist die älteste, der erste Grundstein wurde 1038 innerhalb der alten Stadtmauern vom Wikingerkönig Sitric gelegt. Ihre heutige Gestalt erhielt sie 1172, als der später heilig gesprochene Erzbischof Laurence O’Toole und der normannische Ritter Richard FitzGilbert, auch Strongbow genannt, am gleichen Platz eine neue Kathedrale errichten ließen. Die Aufsicht oblag zunächst den Bischöfen von Canterbury und in der Folge den Domherren der Augustiner – nur eben nicht John Comyn, dem anglo-normannischen Erzbischof. Das wurmte den geistlichen Herrn, und so erklärte er im Jahr 1192 die St. Patrick’s Kirche draußen vor der Stadt zur Kathedrale und ließ sich daneben einen Palast bauen. Doch sie wurde nie offizielle Kathedrale des Dubliner Erzbischofs; dies war und blieb bis heute die Christ Church Cathedral. In John Comyns Palast residiert inzwischen die Garda.

Beide Kathedralen schlossen sich der Reformation an, so dass die römisch-katholische Kirche ohne offiziellen Bischofssitz dastand. Im Jahr 1825, die meisten der Anti-Katholiken-Gesetze waren noch in Kraft, wurde es ihr erlaubt, in einer Hintergasse der alten St. Mary Gemeinde eine neue, halbwegs repräsentative Kirche zu errichten. Da man langfristig mehr wollte, nannte man sie Pro-Cathedral, provisorische oder ‘halbe’ Kathedrale, wie Éamonn Mac Thomáis sich ausdrückt. Ein Grundstück besaß man, doch es mangelte der katholischen Diözese an Geld und so wartete man auf bessere Zeiten. Das Warten währte 150 Jahre; dann kam man zu dem Schluss, dass das Vorhaben aussichtslos sei und schenkte der Stadt das Grundstück für einen Park. Archbishop Ryan Park, nennt er sich nach dem edlen Stifter, doch den Dublinern ist er eher als Merrion Square bekannt. Und mittendrin steht anstelle einer eindrucksvollen Kathedrale eine Statue von Oscar Wilde.

Quellen: Éamonn Mac Thomáis, Me Jewel and Darlin’ Dublin, The O’Brien Press, Dublin. Für Hinweise zu den Kathedralen bedanke ich mich bei Eoin C. Bairead und Fergal Suipeil vom University College Dublin.

12. Januar 2005

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