Skizzen & Notizen

Die Propheten weinen

Ein Gedicht des irischen Staatspräsidenten
Michael D. Higgins

PresidentUnterhalb des Diamond Hill am Eingang zum Connemara National Park liegt das Dorf Letterfrack mit seinen drei Pubs, einem Country Shop, einem Hostel und gut einhundert Einwohnern, gegründet von den Quäkern James und Mary Ellis in den Nachwehen der Großen Hungersnot. Im Oktober 2014 eröffnete hier Staatspräsident Michael D. Higgins anlässlich des 13. Geburtstages der Connemara Sea Week den ‘Letterfrack Poetry Trail’. Zuvor waren neun Autoren gebeten worden, jeweils ein Gedicht mit einem direkten oder indirekten Bezug zum Ort zu verfassen, die eingraviert auf Dachschindeln der ehemaligen, durch den Kindesmissbrauch der sogenannten Christlichen Brüder in Verruf geratenden Letterfrack Industrial School, auf einem 1,3 km langen Pfad um und durch das Dorf angebracht wurden

Im Folgejahr lud man den Staatspräsidenten ein, sich mit einem eigenen Gedicht an diesem Projekt zu beteiligen. Er willigte ein und stellte ‘The Prophets are Weeping’ zu Verfügung, das erste Gedicht, das er nach der Übernahme seines Amtes verfasst hatte, und bemerkte dazu: “Ich schrieb ‘The Prophets are Weeping’ im Jahr 2014, unmittelbar nachdem ich die Jesiden gesehen hatte, eine religiöse Minderheit aus sehr alten Zeiten, die, vertrieben von ihren Bergen im Nordirak, nach langer Wanderung bei den kurdischen Truppen Zuflucht zu finden hofften.”

The Prophets are Weeping

To those on the road it is reported that
The Prophets are weeping,
At the abuse
Of their words,
Scattered to sow an evil seed.

Rumour has it that,
The Prophets are weeping,
At their texts distorted,
The death and destruction,
Imposed in their name.

The sun burns down,
On the children who are crying,
On the long journeys repeated,
Their questions not answered.

Mothers and Fathers hide their faces,
Unable to explain,
Why they must endlessly,
No end in sight,
Move for shelter,
for food, for safety, for hope.

The Prophets are weeping,
For the words that have been stolen,
From texts that once offered,
To reveal in ancient times,
A shared space,
Of love and care,
Above all for the stranger.

Die Propheten weinen

Jenen auf dem Weg sei gesagt,
Dass die Propheten weinen
Über den Missbrauch
Ihrer Worte,
Verstreut als eine Saat des Bösen.

Man munkelt,
Dass die Propheten weinen,
Über das Verzerren ihrer Schriften,
Den Tod und die Zerstörung,
Die in ihren Namen begangen werden.

Die Sonne brennt nieder
Auf die weinenden Kinder
Auf ihren langen, endlosen Wegen,
Und keiner beantwortet ihre Fragen.

Mütter und Väter verbergen ihre Gesichter,
Nicht fähig zu erklären,
Warum sie endlos,
Ohne ein Ende in Sicht,
Nach Obdach suchen müssen,
Nach Nahrung, Sicherheit und Hoffnung.

Die Propheten weinen
Über den Diebstahl ihrer Worte,
Gestohlen aus ihren Schriften,
In denen sie einst offenbarten
Einen gemeinsamen Ort
Der Liebe und Fürsorge,
Vor allem für den Fremden.

Natürlich erhebt die Übersetzung durch den Autor dieser Website nicht den Anspruch ein Gedicht zu sein, sondern will nur den Inhalt wiedergeben. Im Juni 2017 erschien dann ein Buch mit den zehn Gedichten und einer CD, auf der der Staatspräsident und die anderen Autoren ihre Beiträge persönlich vortragen. Es kann auf der Website des in Letterfrack ansässigen Verlags Artisan House bestellt werden.

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© Übersetzung 2017 Jürgen Kullmann.