Irisches Tagebuch 1996

Frühling in Dublin

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Mittwoch, 21. Februar 1996

Nach zwei Jahren wieder in Baile Átha Cliath, der Stadt an der Furt aus Astwerk. Ein räuberischer Dichter namens Athirne ließ die Furt einst errichten, damit er sein zusammengeraubtes Gut – ein paar Königinnen, diverses Vieh und sonstige Schätze (er war nicht sonderlich wählerisch) – über die Liffey bringen konnte. Er kam von Süden, wir hingegen kommen von Norden und gehen, da wir die Furt nicht mehr finden, über die O’Connell Bridge. Als Dublin ist die Stadt heute eher bekannt, doch nachdem wir uns erst vorgestern von unserem irischen Sprachkurs verabschiedet haben, muss es nun die erste Amtssprache des Landes sein. Wie viele Dubliner sie wohl verstehen?

mapEs ist ein langer Weg vom Busdepot zur Lower Baggot Street – wenn man mit Koffer und Reisetasche bepackt ist und das Taxi sparen will. Am Leinster House, in dem der Dáil, das irische Parlament, tagt, marschieren wir durch eine Gruppe Staatsdiener, die gegen Kürzungen im öffentlichen Dienst demonstrieren. 10.000 sollen sich heute landesweit im Streik befinden.

Schließlich finden wir unser Georgian House Hotel. Sehr hübsch und gediegen und alles etwas vornehmer, als bisher gewohnt, vor allem verglichen mit Kelly’s in der South Great Georges Street, wo wir vor zwei Jahren logierten. Sogar die Taschen werden uns ins Zimmer getragen! Dieses befindet sich im hinteren, neueren Teil des Hauses – wir müssen erst durch einen Innenhof –, doch auch hier ist alles Georgian Style.

Vom Gepäck befreit machen wir einen erster Bummel durch die Grafton Street. Dublin, A Fortress, Dublin eine Festung, lautet die Schlagzeile einer Zeitung. Nach den letzten IRA-Anschlägen in London hat man hier etwas Angst vor Gegenterror. Wir kaufen den ‘Irish Independent’ sowie das ‘indublin-Magazine’ und nehmen im Obergeschoss von Bewley’s bei einer Tasse Tee einen Imbiss ein. Lachsbrote, was denn sonst.

Bevor wir wieder aufbrechen, ein Blick in die Geschichte der Grafton Street. Hier ein Ausschnitt aus der Irish Times vom 27. Januar 1931:

Die Grafton Street kann durchaus mit anderen Dubliner Durchgangsstraßen mithalten, was den Wandel der letzten anderthalb Jahrhunderte betrifft. Der Straßenname lässt sich auf Henry Fitzroy zurückführen, dem ersten Herzog von Grafton, einem 1663 geborenen Sohn von Charles II. 1708 wird sie erstmals in einem Statut erwähnt, doch erste Teilstücke wurden bereits gegen Ende des 17. Jahrhunderts errichtet. Ihr südlicher Teil war als ‘Crosses Garden’ bekannt, und in einer Verordnung aus dem Jahr 1712 findet sich eine Finanzzuweisung, eine königliche Chaussee durch die Grafton Street zu errichten

Sir Thomas Vesey, der menschenfreundliche Bischof von Ossory, starb hier 1730, und Louis du Val, vor Sheridans Regime Manager des Smock Alley Theatre, lebte hier um die gleiche Zeit. Grafton Street war bis 1743 die Adresse von Rebecca Dingley, eine Freundin Jonathan Swifts und Gesellschafterin seiner Stella. Auch lebte und eröffnete hier John Hawkey, der tiefgründigste klassische Kritiker seiner Zeit, eine Schule.

Zwischen den vielen Buchläden, Tavernen und Lotterieverkäufern hatten die folgenden Adligen ihre Häuser: Lord Kinsale (1778), der Viscount Grandison (1783), der Earl of Dunsany (1786), Lord Massy und Lord Newhaven (1791). Der berühmte Marquis Wellesly, Sohn des Earl of Mornington und späterer Duke of Wellington und Napoleon-Bezwinger, wurde hier 1760 in der Residenz seines Vaters geboren.

Und heute, fast siebzig Jahre später, ist diese Durchgangsstraße Dublins bekannteste Fußgängerzone und Shoppingmeile. Das Edel-Kaufhaus Brown Thomas hat den großen Umbau von 1994 heil überstanden. Schon vor mehr als 90 Jahren zu Leopold Blooms Zeiten rühmten sich Brown, Thomas & Co, ihres Zeichens Seidenhändler, Hutmacher, Kostümschneider und mehr, seit hundert Jahren das beste Leintuch und die besten Spitzen Irlands zu produzieren. Ich erinnere mich an eine ganzseitige Anzeige in der Irish Times anlässlich der Neueröffnung des vergangenen Jahres. Eine weiße Seite mit einem kleinen Text in der Mitte:

Freud beklagte nicht zu wissen, was eine Frau wirklich will –
Er hätte zu Brown Thomas kommen sollen.

“Also bitte, mein Mädchen, wie wär’s dann mit ein paar Zeilen über Brown Thomas?” Sie mag nicht, muss dafür mit in einen Buchladen der Nassau Street, wo ich im Antiquariat im Keller eine Sammlung klassischer Short Stories erstehe.

Die Zeit verfliegt, auch wenn Gott sie in Irland besonders großzügig verteilt haben soll. Vielleicht gerade deshalb. Wir sind wieder in der Lower Baggot Street. Es wird Abend, und wir finden ein Lokal im ersten Obergeschoss eines Hauses. Etwas feucht und kühl, doch das merken wir erst, als das Essen schon bestellt ist. Es entspricht dem Stil des Hauses.

9 Uhr abends, nicht spät für Irland, doch wir sind heute Morgen um halb sieben aufgestanden, und das ist früh für Irland. Also gehen wir zum Hotel zurück und testen die Betten.

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Donnerstag, 22. Februar 1996

Nach dem Frühstück, einem irischen Frühstücksbüfett, machen wir uns zum Guinness Hopstore auf. Irgendwie haben wir die einstündige Zeitverschiebung noch nicht im Griff, denn wir sind viel zu früh unterwegs. Menschen hasten an uns vorbei: Erwachsene auf dem Weg zur Arbeit, Schüler auf dem Weg zur Schule, Studenten auf dem Weg zum Trinity College.

Die Grafton Street, sonst eine reine Fußgängerzone, wird von Autos beherrscht, die Waren anliefern. Durch die halb hochgezogenen Rollos der Geschäfte sieht man, wie arrangiert, aufgeräumt und geputzt wird. Ein kleines Postamt hat schon geöffnet und wir kaufen ein paar Briefmarken, ehe wir durch die Temple Bar zur Liffey hinunter gehen.

Laut ist es auf den Straßen beidseitig der Liffey. Heruntergekommene Häuserzeilen im Wechsel mit schön restaurierten, vor zwei Jahren war manches noch viel verkommener. Es ist Ebbe, und da zeigt sich der Fluss nie von seiner besten Seite. An den Four Courts, dem obersten Gerichtshof, wird noch gearbeitet. Im Bürgerkrieg durch kompromisslose Republikaner besetzt, wurde das imposante Gebäude 1922 von den neu formierten Truppen des irischen Freistaates unter Michael Collins bombardiert. Doch es dürften kaum diese Schäden sein, die nun behoben werden.

Wir wenden uns von Anna Livia ab und wandern durch eine recht trostlose Gegend zur St. James Gate hoch, wo ein Herr Arthur Guinness vor mehr als 200 Jahren für eine Jahresmiete von £ 45 sein Brauereigelände pachtete. Für eine Laufzeit von 9000 Jahren, da wird es bei der Verlängerung im Jahr 10751 wohl zu einer Pachterhöhung kommen.

Im Grunde genommen ist der Eintritt zum Guinness Hopstore, wie man das Brauereimuseum nennt, frei, denn im Preis von IR£ 2.00 ist ein Pint Guinness inbegriffen, das in den meisten Pubs IR£ 2.05 kostet. Doch zunächst einmal kommen wir gar nicht rein, weil es immer noch viel zu früh ist. Also setzen wir uns auf eine Mauer und ich schreibe ein wenig in mein Reisetagebuch.

Als der Hopfenladen dann endlich öffnet, schiebt uns der Haus- und Hoffotograf der Brauerei zunächst einmal hinter eine Bar mit zwei Zapfhähnen, drückt jedem die Imitation eines gefüllten Guinnessglases in die Hand und lichtet uns ab. Beim Verlassen der Brauerei werden wir das gerahmte Bild für IR£ 4.95 erwerben. Was es sonst zu sehen gibt, steht in einer kleinen Broschüre, die wir gleichfalls erwerben, und lässt sich in jedem Reiseführer nachlesen.

Beim Verlassen des Hopfenladens ist es Mittag. Wir betreten ein kleines Lädchen in der Nähe der Christ Church, und ich blättere in einem Bändchen mit irischen Redewendungen. “An bhfuil Gaeilge agaibh?” Ähh?? Ich blicke auf, das kam vom nicht mehr ganz jungen Ladenbesitzer, der uns freundlich anblickt. Ob wir Irisch könnten? Worauf wir ihm in nicht gerade blendendem Englisch gestehen, dass wir vor kurzem mit einem irischen Sprachkurs begonnen haben, und ihm unsere wenigen Floskeln präsentieren. Er korrigiert unsere Aussprache und freut sich über unser “go raibh maith agat” beim Empfang des Wechselgeldes.

Später am Tag entdecken wir zwei beeindruckend mit altem Mobiliar eingerichtete Buchhandlungen in der Dawson Street. In der einen erstehe ich Peig Sayers Autobiografie in irischer Originalsprache, die sich jedoch als gekürzte Schulausgabe herausstellen wird. Was fehlt, merke ich erst später: Da werden den irischen Schülern die drei Kapitel über Peigs Vaters Sauftour an den Ventrystrand und die nette Geschichte* von dem katholischen Pfarrer, der aus verletzter Eitelkeit seinen protestantischen Kollegen zu Boden schlägt, doch tatsächlich vorenthalten.

Mother Redcaps, © 1996 Jürgen KullmannDas Abendessen in einem indischen Restaurant besticht vor allem durch seine Schärfe und leidet darunter, dass es kein Guinness gibt. Dieses gibt es jedoch bis Mitternacht bei Mother Redcap’s unweit der Christ Church – und Musik völlig kostenfrei dazu. Ohne Mikrofon und Lautsprecher, doch da wir uns mit unseren Pints im Laufe der Nacht immer näher an die Musiker heranarbeiten, hören wir bald gut genug. Und irgendwie muss man unseren touristischen Gesichtern die Begeisterung angesehen haben, denn als gegen Mitternacht alles zu Ende ist und wir aufbrechen, winkt man uns hinterher.

* Wer mag, kann sie hier in einer privaten Übersetzung nachlesen.

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Freitag, 23. Februar 1996

Die Dublin South Coast Tour ist angesagt, in einem der grünen Doppeldeckerbusse von Bus Átha Cliath, wie sie einem in Dublin auf Schritt und Tritt begegnen. ‘Private Hire’, Privatfahrt, steht auf unserem anstelle eines Fahrtziels. Die Fahrt geht von der O’Connell Street aus die Dublin Bay entlang nach Süden. Ein Kapitel für sich ist der Fahrer: Zunächst eher zurückhaltend, fast schüchtern wirkend, erweist er sich als Fahrer, Führer, Geschichtenerzähler und Sänger in einer Person und ist offensichtlich in der Lage, alle diese Tätigkeiten gleichzeitig auszuüben. Zudem ist er eine unerschöpfliche Informationsquelle. So erfahren wird, dass

– in Dublin die meisten Ehen mit einem Tête-à-tête unter Clevgy’s Clock in der O’Connell Street beginnen,
– im letzten Herbst die amerikanische Präsidentin und ihr Gatte Bill Dublin besucht haben, und
– sich die Bewohner des Nobelvororts Foxrocks eine Brücke zur Kirche auf der gegenüberliegenden Straßenseite gebaut haben, um dort jeden Morgen das Ich dank Dir für mein Geld zu beten – in der einzigen Kirche Irlands, die bei der Kollekte Kreditkarten akzeptiert.

Als uns schließlich in unserem drei Meter breiten Bus auf einer vier Meter breiten, abschüssigen Straße zur Dublin Bay hinunter ein zwei Meter breiter anderer Wagen entgegenkommt, erklärt er uns fröhlich durch den Lautsprecher, dass wir nun zum Programmpunkt Irisches Autoschach – wer setzt wen matt – kämen, und kurvt singend an ihm vorbei. Ansonsten fällt ihm zu allen erdenklichen Lokalitäten ein passendes Liedchen ein, das er uns natürlich nicht vorenthält. Nur eine Frage bleibt offen: wer lenkt eigentlich den Bus, derweil er zum Gesang rhythmisch aufs Armaturenbrett klopft?

Weiter nach Süden, die Dublin Bay entlang bis in den County Wicklow. Ein Fotostop an der Bucht und ein längerer Einkaufsstop bei den Avoca Handweavers, bis es über die Ausläufer der Wicklow Mountains und abenteuerliche Straßen nach Dublin zurückgeht. Und der starke Zickzackverlauf der Straße ist, wie wir von unserem Fahrer erfahren, nicht geländebedingt, sondern hängt ganz wesentlich mit der Vorliebe des zuständigen Straßenbaumeisters für Paddy Flahertys Whiskey zusammen. Und sein Zickzackkurs?

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Sonnabend, 24. Februar 1996

Eigentlich wollten wir heute Vormittag in die Nationalgallerie, doch die hat wegen Renovierung bis Mai geschlossen und solange können wir nicht warten. Dann also um den Block herum zum Leinster House, dem Sitz von Parlament und Senat. Im Gebäude des alten, im Jahre 1800 aufgelösten Parlaments hat sich derweil die Bank of Ireland eingenistet. Beim Kauf des Gebäudes vor nunmehr fast 200 Jahren musste sie unterschreiben, es nie wieder politischen Institutionen zur Verfügung zu stellen.

Das heutige Parlament, der Dáil, hat 166 Mitglieder, die in einem recht trickreichen Verfahren gewählt werden. Und das geht so:

Angenommen, ein Wahlkreis darf einen Abgeordneten in den Dáil entsenden (de facto sind es oft vier), und es gibt drei Kandidaten A, B und C. Auf seinem Stimmzettel gibt der Wähler nun eine Rangfolge an, und bei der ersten Zählung wird festgestellt, wie oft ein jeder auf Platz 1 steht. Bei 1000 abgegebenen Stimmen zum Beispiel A 450-mal, B 400-mal und C 150-mal. Damit hätte keiner die absolute Mehrheit von 501 Stimmen. C scheidet nun aus, doch seine Stimmen gehen nicht verloren, denn in einer zweiten Zählung wird ermittelt, wie oft die C-Wähler A oder B als ihre ‘zweite Wahl’ angegeben haben. Diese Stimmen werden zu denen von A und B hinzuaddiert. Haben von den C-Wählern 40 als zweite Wahl A und 110 als zweite Wahl B angegeben, so hat der Kandidat B am Ende 510 Stimmen und ist gewählt. So kommt es vor, dass bei vier Abgeordneten und 15 Kandidaten in einem Wahlkreis zehnmal gezählt und addiert werden muss, bis das Ergebnis feststeht. Und dies kann eine ganze Woche dauern.

Die Mitglieder des Senats, der dem englischen Oberhaus nachempfunden ist und eine eher beratende Funktion hat, werden zum einen Teil vom Taoiseach – ‘Ministerpräsident’, sagt man im Deutschen, doch exakt wäre ‘Häuptling’ – ernannt, und zum anderen von Institutionen wie dem Trinity College entsandt.

Genug der hohen Politik. Auch ins Leinster House lässt man uns nicht rein, wegen der Troubles, erfahren wir. Seit die IRA ihren letzten Waffenstillstand aufgekündigt hat und in London Busse in die Luft sprengt, hat man Angst vor Gegenterror. Wer weiß, was wir in unseren Rucksäcken haben!

Also wärmen wir uns erst einmal im Nationalmuseum auf, das wir schon vor zwei Jahren besichtigt hatten, und gehen dann in die Nationalbibliothek. Und die ist in der Tat beeindruckend. Jeder, der sich registrieren lässt, kann sie kostenlos nutzen, soweit es sich um Werke handelt, die in anderen Bibliotheken nicht verfügbar sind. In einem Saal mit gedämpften Licht bekommt man dann einen Tisch mit Buchstütze und Leselampe zugewiesen und innerhalb von 15 Minuten das gewünschte Buch an den Platz gebracht. Der gebundene Autorenkatalog bis zum Jahre 1968 umfasst etwa 460 Bände; für die Zeit von 1969 bis 1990 gibt es Karteikarten, und bei den Bucherscheinungen ab 1990 hat man im Computer nach dem Autor zu forschen. Entliehen wird nichts, doch man kann sich Mikrofilme, Fotokopien und Reproduktionen anfertigen lassen.

Gegen Mittag machen wir einen Spaziergang den Grand Canal entlang, der alles andere als groß ist. Über eine Strecke von 130 km führt er von der Liffeymündung durch 44 Schleusen zum Shannon hoch. Als Transportweg hat dieser recht schmale, oft beängstigend flache Wasserweg schon lange ausgedient. Die Schleusen in der Nähe der Liffeymündung scheinen lange nicht bewegt worden zu sein, doch zwischen zweien wir sehen einen Kanuten auf dem Wasser. Nachdem der Kanal durch Verschlammung schon völlig unpassierbar geworden war, konnte nach einer gründlichen Säuberung 1988 wieder eine Flottille von 80 Booten nach Dublin fahren. Die Stadt feierte ihrem 1000. Geburtstag.

Im Barge, einem recht edlen Pub am Grand Canal, essen wir zu einem Pint Guinness Schollefilet. “Spring is in the air”, Frühling liegt in der Luft, sagt neben uns jemand ins Münztelefon. Recht hat er!

Am Abend nehmen wir, geführt von zwei Schauspielern, an einem Literary Pub Crawl teil. Die Idee dieser touristischen Pubbekriechung ist, dass man ausgehend von Plätzen und Pubs, an und in denen bekannte irische Schriftsteller verkehrten, etwas aus ihrem Leben und Werk erfährt. Dabei reden die Schauspieler nicht nur, sondern spielen auch Szenen aus Theaterstücken. Das Ganze startet in einem Nebenraum des Duke mit ein paar Anekdoten und einer Szene aus Becketts Godot. Gerne hätten wir den ganzen Godot gesehen – so wenig Ähnlichkeit hat er mit dem aus unserer Schulzeit. Die weiteren Erläuterungen und ‘Performences’ finden nun allerdings vor den jeweiligen Pubs statt, alldieweil an diesem Samstagabend drinnen kein Platz mehr ist. Man wird privatim zu einem Pint Guinness ins Gedränge geschickt, und dann geht’s draußen weiter. Wir finden, dass dies an der Idee einer literarischen Pubbekriechung irgendwie vorbeigeht!

Als wir auf dem Heimweg Foley’s passieren, dringt Musik an unsere Ohren. Admission Fee IR£ 2.00, und wir steigen ins Obergeschoss, wo die Musik spielt. Ein echter Dubliner rückt für uns zur Seite, so dass wir noch zwei Plätze finden. Er ist alleine und folglich recht gesprächig. Er habe von deutscher Bierkellermusik gehört, erzählt er, und fragt mein Mädchen, ob sie jodeln könne. Kann sie nicht, dafür aber mit drei Floskeln mehr Irisch als er. O’Faolain heißt der Mann, schriftstellert aber nicht.

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Sonntag, 25. Februar 1996

Ein strahlender Sonntagmorgen. Wir schlendern in Richtung O’Connell Bridge, und wer kommt uns da entgegen, wenn nicht Mr. O’Faolain. Am Jacket eine weiße Schleife und auf dem Weg zur Peace Rally, wie er erläutert. Über 100.000 Menschen werden heute in der Republik und Nordirland an Friedensmärschen gegen den wiederaufgeflammten IRA-Terror teilnehmen. Wir verraten, dass wir zum Dublin Writers Museum wollen, doch trotz seines Namens hat er mit Schriftstellern nichts im Sinn.

Garda in der Grafton Street. Garda Síochána, ‘Wächter des Friedens’, nennt sich die unbewaffnete irische Polizei. Ein Teil der Straße ist mit rot-weißen Bändern abgesperrt, doch dahinter versammeln sich Horden von Schulkindern mit weißen Schleifen an der Kleidung und Fähnchen in der Hand. Was sich hier anbahnt, erfahren wir erst später: Dick Springs, der Tánaiste oder stellvertretende Regierungschef, wird als Teilnehmer eines Friedensmarsches erwartet, derweil der große Häuptling John Bruton in seinem Heimatcounty Meath marschiert. Wörtlich übersetzt heißt ‘Tánaiste’ Nachfolger, und Johns Nachfolger würde Dick in der Tat gerne werden.

Das Dublin Writers Museum wurde 1991 in einem vorbildlich restaurierten georgianischen Haus aus dem 18. Jahrhundert am Parnell Square eröffnet. Per Tonband und Kopfhörer wird man durch die unteren Ausstellungsräume geleitet. An verschiedenen Vitrinen gibt es auf Knopfdruck Hörproben, hier zum Beispiel ein Gedicht von Lady Morgan: Dark Rosaleen oder Róisín Dubh, jenes schwarze Röschen, das zu Zeiten britischer Herrschaft in so vielen Liedern und Gedichten ein geheimes Symbol für Irland war.

Das Obergeschoss beherbergt in seinen hohen georgianischen Räumen mit eindrucksvollen Deckenornamenten die Bibliothek des Museums und eine Galerie mit Portraits irischer Schriftsteller. Ich darf ein Foto machen. Wieder unten, gibt es in einem Anbau des Hauses einen kombinierten Coffee- & Bookshop. Weil der Buchtitel so gut zu mir passt, kaufe ich Patrick Kavanaghs Green Fool – Brendan Behan, jener berühmte irische Trinker mit einem Schreibproblem, stand auch mit einem Bändchen zur Auswahl.

Wir begeben uns wieder auf die Südseite der Liffey und sehen in der Nähe von Mother Redcap’s einen Friedensmarsch nahen. Doch da es aus dem Pub nach Livemusik klingt, gehen wir hinein – und treffen Mr. O’Faolain. Wollte er nicht mitmarschieren?

Um drei Uhr ist Schluss mit der Musik, doch nicht für uns. Wir wandern zur Christ Church Cathedral hinüber, in eine Nachmittagsandacht mit Chorgesang. Um die Teilnehmer zu zählen, braucht man weniger als seine zehn Finger – die Zahl der Akteure im Altarraum übersteigt sie um ein Vielfaches. Vor uns liegt das anglikanische Gebetbuch für Irland, letzte große Revision 1926. Ich schlage es auf und stoße auf ein Gebet für den Britischen Gouverneur über Irland, versehen mit dem neueren Hinweis, es könne entfallen, solange keiner ernannt sei. Es ist für einen ausländischen Besucher schon überraschend, dass die beiden berühmtesten Kirchen Dublins, die St. Patrick’s und die Christ Church Cathedral, anglikanische Kirchen sind. Und so kommen 99,9 % aller Besucher nicht zu einem Gottesdienst, sondern zur Besichtigung.

Der Ablauf der Andacht ist ungemein prunkvoll, so wird zum Beispiel der Prediger zwischen den Chorgesängen von einem pompös gekleideten Zeremonienmeister mit einem langem, vergoldeten Stab in der Hand zur Kanzel und wieder zurückgeleitet. Nach der Andacht verabschiedet der Prediger per Handschlag seine wenigen Besucher, fragt uns, woher wir kommen, und freut sich offensichtlich, dass wir mit unseren zwei Personen die Besucherzahl so kräftig aufgestockt haben.

Am Abend gehen wir wieder zu Foley’s, diesmal nach unten in die Bar, wo die Musik kostenlos ist. Ob Foley’s den Guinnesspreis wohl viertelstündlich dem aktuellen Börsenkurs der Brauerei anpasst? Gestern Abend haben wir für die ersten 2 Guinness IR£ 4.00 bezahlt, etwas später für 1 Guinness IR£ 2.15. Heute Abend kostet das erste Guinness IR£ 2.10, alle weiteren jedoch IR£ 2.05. Vielleicht ändert sich der Preis auch mit der Tide, die so ganz und gar untypisch für Dublin ist. Denn sie ist pünktlich.

Der Sänger muss ein Seelenverwandter von Frank sein, gemeinsam mit ihm eine Rocksänger-Karriere angestrebt haben, bevor er sich dem touristischen Verlangen nach Irish Folk beugte. Nur ist er in Dublin statt in Connemara an Land gespült worden. So hören wir eine Mischung von alten Rocktiteln à la Peggy Sue und guten alten Folk-Klassikern. Und um Mitternacht natürlich Amhrán na bhFíann. Wir erheben uns.

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Montag, 26. Februar 1996

Custom HouseNach dem Frühstück geht es zur Pearse Station, schräg gegenüber dem Custom House auf der anderen Liffeyseite, links dargestellt auf einem alten Stich. Der DART (Dublin Area Rapid Transit) bringt uns nach Howth. So schnell wie ein Pfeil ist diese einzige elektrische Eisenbahn Irlands jedoch nicht, die Fahrt ist eher etwas rumpelig.

Howth leitet sich vom normannischen hoved ab, was soviel wie Kopf heißt, und wie ein Kopf hängt diese Halbinsel im Norden über der Bucht von Dublin. Das freundliche Wetter unterscheidet sich drastisch von dem nebligen Regentag vor fast genau zwei Jahren, und so können wir nach einer Inspizierung der Mole – der Rettungsring hängt bewegungslos an seinem Pfosten – die damals wetterbedingt ausgefallene Klippenwanderung nachholen.

Mit diesem Rettungsring endete unsere Diaserie Dublin 1994. Das vorletzte Dia: Nebel, Regen, aufgewühltes Meer! Zwei Mädchen auf der Mole von Howth, ein schlankes, rankes – mo mhíle stór – und ihre Cousine. Überblendung: Die Mädchen lösen sich im Nebel auf, Gischt spritzt über die Mole, was bleibt ... ein an einem Pfosten wehender Rettungsring. Ende.

Und nun sind wir wieder da, ich und mein tausendfacher Schatz, und diesmal scheint die Sonne! Wir wandern durch den Ort und fragen uns, ob wir uns hier nicht auf Dauer niederlassen sollten. Dublin vor der Haustür, per DART leicht erreichbar, und doch in einem Dorf am Meer. Nur dumm, dass sich dies auch auf die Grundstückspreise niederschlägt, die gleichfalls Spitze sind. Etwas abseits vom Dorf wurden vor zwei Jahren noch ein paar hübsche Reiheneigenheime angeboten, doch die sind längst vergeben.

Oberhalb des Dorfes beginnt ein Klippenweg, der um die unberührte Ostseite der Halbinsel führt, man wird mit einer wunderschönen Aussicht belohnt. Frühling liegt in der Luft, dabei haben wir erst Februar. Von einer bestimmten Stelle aus soll man die Berge von Wales sehen können, aber so klar ist der Himmel dann doch nicht. Etwa 60 km dürfte die Entfernung betragen.

Am Leuchtturm verlassen wir den Klippenweg und gehen ins Dorf zurück. Howth Castle ist teilweise verfallen und nicht zugänglich, schon vor zwei Jahren haben wir nur einen Blick durch ein Tor erheischen können. Auf dem Gelände des Schlosses gibt es zwar noch das National Transport Museum mit den letzten Dubliner Straßenbahnen, die 1959 außer Betrieb gingen, doch das hat um diese Jahreszeit nur am Wochenende offen. Also landen wir nach einigen Diskussionen darüber, wo man am besten Mittag essen kann, bei Chicken Kiew und Guinness in der Lounge des Howth Court Hotels mit seiner langen, dunkelblauen Holzfensterfassade.

Nach einem kurzen Spaziergang über die Mole fahren wir am Nachmittag nach Dublin zurück. Mein Mädchen ist müde und mag nicht mehr spazieren gehen, doch das gibt sich am Abend, als es darum geht ein Restaurant zu finden. Es liegt über einem Pub, und die nette Kellnerin kennt Clifden und Cleggan, einen der vielen letzten Orte vor Amerika an der irischen Westküste. Beim Bezahlen empfiehlt sie uns für den Juni ein Seafood Restaurant in Roundstone – wahrscheinlich kann man dort sein Geld genauso pfundweise ausgeben wie in diesem hier.

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Dienstag, 27. Februar 1996

Unser letzter Tag in Dublin – für dieses Mal. Neulich, im Craftshop des Writers Museum, las mein Mädchen in einem Dubliner Stadtführer für Kinder von einem besichtigenswerten georgianisches Haus in der Lower Fitzwilliam Street 29. In keinem Reiseführer ist es aufgeführt, und auch in keinem Faltblatt des Tourist Office. Letzteres ist umgezogen und hat sich stolz in einer umgebauten Kirche in Dublin 2 eingerichtet – mit einem Coffeeshop im früherem Altarraum.

Doch zurück zu dem Haus in der Fitzwilliam Street. Eintritt IR£ 2.50 pro Person, dafür gibt es zunächst einmal eine kleine Diashow, in der uns der Geist der verstorbenen Mrs.***, ihres Zeichens Witwe des früheren Besitzers, alles über das Haus und das Leben seiner Bewohner erzählt. Das Geschäft ihres Mannes war der Weinhandel, und der Weinkeller, den wir noch besichtigen werden, liegt unter dem Bürgersteig der Fitzwilliam Street. Wenn es viel regnete, und das soll in Dublin manchmal vorkommen, tropfte es durch die Decke.

Ein schmales, dreistöckiges georgianisches Gebäude, und auf jeder Etage zwei Räume, die hervorragend restauriert sind: das Haus einer Mittelklassenfamilie. Ob wir dann wohl zur Unterklasse gehören? Als Mittelklassenfamilie, kommt die Antwort, hätten wir zwar drei Hausangestellte, jedoch weder Strom noch Gas noch eine Toilette im Haus, und ein lieblicher Geruch von Torfrauch (aus den Kaminen) und Fischöl (aus den Lampen) würde durch alle Räume ziehen.

Wir sind wieder auf der Straße. Manches hat sich in den vergangenen zwei Jahren verändert. Wo damals noch auf der Nordseite der Liffey abbruchreife Häuser standen, stehen nun neue, die einen stilvoll, die anderen weniger. Und so finden wir auch die Aufschrift Dirty Old Town auf einem Abbruchhaus von damals nicht mehr, auch wenn Dublin an mancherlei Orten immer noch eine ‘Schmutzige alte Stadt’ ist.

Anderes hat sich nicht geändert. Noch immer sind die Ampelfarben für Fußgänger eine unverbindliche Empfehlung, ein bedeutungsloses, fröhliches Farbenspiel. Kaum sieht man jemanden bei Grün über die Straße gehen, denn dies hat man bereits bei Rot erledigt. Und um nicht als Tourist aufzufallen, schließt man sich dieser Sitte an.

Es wird Mittag und wir kehren bei Davy Byrne’s ein. Hier aß Anno 1904 Leopold Bloom sein berühmtes Käsebrot und bezahlte für sein Lunch bestehend aus

1 Gorgonzla Sandwich
1 Schälchen Oliven,
1 Salat und
1 Glas Burgunder

sieben Pence. Doch mein Mädchen bestellt sich für sieben IR£ Austern, die ersten ihres Lebens. Es werden auch die letzten ihres Lebens sein, versichert sie, derweil sie über die letzten beiden eine Servierte drapiert und den Teller zurückschiebt. Unser Tischnachbar beginnt mit uns die Weltpolitik zu diskutieren und wir geben unser Bestes. Dann möchte er wissen, was die BMW-XYZ-Reihe in Deutschland kostet. BMW, das sagt uns noch etwas, doch von was für einer Reihe redet der Mensch? Wir können ihm nicht helfen und informieren ihn, dass unser Auto VW Golf heißt und 55 PS hat. Es scheint ihm nicht zu imponieren.

Es wird zwei Uhr und wir müssen zum Flugplatz. Im kleinen Park am Merrion Square blühen Krokusse, Schneeglöckchen und Primeln. Spring is in the air, der Frühling liegt in der Luft.

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Weitere Reiseberichte


Reiseberichte Irland: Dublin 1996
© 1999 Jürgen Kullmann – Letzte Bearbeitung: 29.04.2006