Irisches Tagebuch 1999

Dublin Revisited

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Mittwoch, 24. Februar 1999

Diesmal geht es mit dem Linienbus von Flugplatz in die Stadt; Linie 41, sehr viel preiswerter als der Expressbus. An Lar, Zentrum, steht oben am Bus, doch was das heißt, ist nicht immer eindeutig. In diesem Fall bedeutet es, dass sich die Endhaltestelle in der Middle Abbey Street unweit des Abbey Theaters befindet. Dort befindet sich auch ein Taxistand, und ein ausgesprochen freundlicher Fahrer bringt uns zu unserem George-Frederik-Handel Hotel in der Fishamble Street. Kostenrechnung: 2 × IR£ 1.10 plus IR£ 3.00 für das Taxi, das ist billiger als bei unserem letzten Besuch der Expressbus bis zum Busdepot – von wo aus wir dann mit immer länger werdenden Armen gelaufen sind. Man lernt dazu!

Unser dritter Besuch in Dublin nach 1994 und 1996, doch diesmal für sieben Tage. Wenn uns nach Weihnachten die Decke auf den Kopf fällt und der nächste Sommerbesuch in Irland noch so unendlich weit entfernt scheint, stellt sich stets die Frage: Und wohin dieses Jahr im Februar? Schon im letzten wären wir beinahe wieder in Dublin gelandet, doch dann wurde Edinburgh daraus. Auch eine Dirty Old Town, wie es in einem Lied heißt. Eine Stadt, die uns gleichfalls sehr liegt, doch ein Heimatgefühl wie in Dublin kam dort nicht auf.

Fishamble Street 1797 nach irland journal Heft 1/97Unser Hotel befindet sich in der Fishamble Street gleich neben einer Großbaustelle am Rande der Temple Bar, und das verdrießt mein Mädchen. Doch die Zimmer sind nett und stilvoll eingerichtet, wenn auch nicht gerade Georgian Style, das große Bad sogar recht edel. Tapeten und Teppichböden sind mit Noten geschmückt: das Hotel steht auf dem Grundstück der alten Konzerthalle, in der am 13. April 1742 Händels Messias uraufgeführt wurde, nur einen Steinwurf von der Christ Church Cathedral entfernt. Oben eine Zeichnung aus dem Jahr 1797, wie sie vor zwei Jahren in einem Artikel des irland journal, Heft 1/97 erschien. Das Gebäude rechts ist nun das George-Frederik-Handel Hotel.

Der Blick aus dem Fenster lässt die vorübergehende Aufhellung in der Miene meines Mädchens schwinden: wir schauen auf den grauen Granitklotz der Dublin Corporation – nun ja, sieht man rechts daran vorbei, so rückt auch Anna Livia Plurabelle ins Bild, die gerade wieder einmal abnimmt. Doch das überlegt sich diese Dame, in vielen Reiseführern immer noch als der Liffey tituliert, alle sechs Stunden anders. Und wenn man ganz scharf nach links blickt, taucht auch noch die Christ Church Cathedral auf.

So weit, so gut. Wenn denn nur das Fenster von außen nicht so staubig wäre. Und so holt sich meine Dame einen Lappen und versucht, das sich bis auf einen schrägen Klappspalt nicht öffnen lassende Fenster von außen zu putzen um zumindest diese Sicht klarer zu bekommen. Also, Lappen in die Hand, Arm so weit wie möglich durch den Spalt nach draußen geschoben und dann: “... du, Liebster, ist dein Arm nicht länger?”

*  *  *

Es ist Nachmittag, wir sagen der Stadt Guten Tag. Ein kleiner Imbiss bei Bewley’s in der Grafton Street, im Tourist Office Theaterkarten fürs Abbey erstanden. Das eilte, es waren fast die letzten für die letzte Vorstellung von The Colleen Bawn. Dann macht das Theater ein paar Tage Pause um das neue Stück einzustudieren.

*  *  *

Eine laue Sommernacht, schmale belebte Gassen im Lampenlicht, Kneipen und Restaurants. Ein Gewimmel von Menschen, junge und nicht mehr ganz so junge, in Pullovern, offenen Hemden, T-Shirts. Ort und Zeit: Temple Bar, Dublin, Ende Februar.

Entgegen dem allgemeinen Trend tragen zwei der Temple-Bar-Besucher dicke, warme Winterjacken. Das kommt davon, wenn man sich von Thom’s Official Directory of the United Kingdom of Great Britain and Ireland for the Year 1904 beeindrucken lässt, nach dem die Liffey 1338 so dick zugefroren war, dass die Dubliner auf dem Eis Ball spielen und Feuer anzünden konnten. 1739 soll das noch ein zweites Mal der Fall gewesen sein. Dann wäre also der nächste große Frost – richtig, für das Jahr 2140 zu erwarten. Da haben wir wohl falsch gerechnet.

Doch nun sitzen wir eingemummten Touristen vor jeweils einem Riesenglas Margarita in einem mexikanischen Restaurant, warten auf unsere Mahlzeit und beobachten durch die Scheibe das Treiben auf der Straße. Da läuft jemand mit einer Gitarre auf dem Rücken vorbei und da hat einer ein Banjo unter dem Arm. Wie trostlos uns dieses Viertel 1994 noch vorkam. Und Anno ’96? Da wohnten wir am Stephen’s Green und waren nur selten in dieser Gegend.

Im Pub The Temple Bar im Zentrum der Temple Bar ist schon für 8.00 Uhr Musik angesagt. Es ist voll und wir spekulieren, wo die Musikanten wohl hocken werden, wenn sie denn kommen sollten, und ergattern mit Mühe zwei Stühle an einem Tischchen. Dann besorge ich mein erstes Guinness und für mein Mädchen, das von ihrer Riesen-Margarita noch mitgenommen ist, einen Kaffee. Ein stolzer Preis, IR£ 2.40 kostet das Guinness inzwischen in der Hauptstadt der Irischen Republik! Im letzten Juni in Connemara waren es noch IR£ 2.10.

Bereits um 8.30 Uhr kommen die ersten Musikanten. Wir haben zu gut getippt – sie wollen genau dort sitzen, wo wir unser Tischchen haben! Also rücken wir zwei Meter weiter und quetschen uns samt unseren Hockern zwischen zwei andere Tische. An der Musik – zweimal Fiddle, einmal Banjo und einmal Gitarre – ist nichts auszusetzen, nur kann der Sänger wieder einmal nicht singen. Äußerlich macht er ein wenig auf Luke Kelly, ohne jedoch die Stimme zu haben. Doch für ein zweites Guinness reicht es allemal, und auch für eines für mein Mädchen. Dann machen wir uns auf den Weg in unser Hotel.

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Donnerstag, 25. Februar 1999

Die Kommentare meines Mädchens bezüglich dem, was das George-Frederik-Handel-Hotel unter einem Full Irish Breakfast versteht, werde ich hier nicht wiedergeben. Reichlich früh sind wir auf den Beinen – wie immer nach unserer ersten Nacht in Dublin, doch das gibt sich erfahrungsgemäß von Tag zu Tag. Wir wollen zum Irish Whiskey Corner in der Old Jameson Distillery in der Bow Street. Nur gut hundert Meter haben wir es bis zu Anna Livia hinunter, dann schlendern wir ein Stück flussaufwärts, derweil der verhangene Himmel die ersten Sonnenstrahlen durchlässt.

Four CourtsAuf der gegenüberliegenden Flussseite die Four Courts, der oberste Gerichtshof des Landes. Die Restaurierungsarbeiten von vor drei Jahren sind abgeschlossen und das Gerüst um die Kuppel abgebaut. Als das Gebäude nach seiner Zerstörung im Bürgerkrieg 1932 originalgetreu wieder aufgebaut wurde, ist ihr Sockel wenig zu hoch geraten.

Hinter dem Hohen Gericht überqueren wir die Liffey und wandern auf ihrer Nordseite ein Stück flussaufwärts, ehe wir nach rechts in die Bow Street abbiegen. Die kleine Brennerei wurde im Jahre 1780 gegründet, was von ihr übrig blieb teils restauriert und teils durch moderne Bausubstanz ergänzt. Heute befindet sich hier das Brennereimuseum. Natürlich sind wir viel zu früh da, die erste Führung findet erst in einer dreiviertel Stunde statt.

Die Führung beginnt nur mit uns beiden, später schließen sich zwei Herrschaften aus Liverpool an. Zur Sache: Als Erstes wurde die geerntete Gerste gelagert und getrocknet. Das interessierte in nicht geringem Maße auch die Mäuse, und so hockt sprungbereit auf einem Gerstesack ein ausgestopftes Katzentier um zu zeigen, was seines Amtes war. Ein besonders verdienstvolles Exemplar seiner Gattung, erfahren wir, das hier lange Jahre wertvolle Arbeit geleistet hat und deshalb ausgestopft, präpariert und zur Anschauung aufgestellt wurde.

Weiter geht’s. Die schweren Säcke mussten durch eine Luke ein Stockwerk höher transportiert werden, ergo steht auf der Leiter nach oben ein Arbeiter mit einem Sack auf dem Rücken. “Aha”, meine ich zu unserer Führerin, “ein besonders verdienstvolles Exemplar seiner Gattung, das Jahrzehnte lang wertvolle Dienste geleistet hat, und das man nun ...”

Der weitere Vorgang der Whiskeyherstellung ist auf einem Faltblatt dokumentiert, das abzuschreiben ich zu faul bin. Nur eines noch: die am besten bezahlten Mitarbeiter waren die Küfer, denn das Fass macht den Geschmack. Eine geschlossene Gesellschaft, der Beruf wurde in der Regel vom Vater auf den Sohn vererbt.

Urkunde JamesonAbschluss und Höhepunkt der Führung ist eine Whiskey-Probe. Neben drei irischen Whiskeys ist ein schottischer und eine grauenhafte Parfümmischung genannt Bourbon zu verkosten. Wer zu dem Schluss kommt, dass einer der drei irischen Whiskeys der beste ist, erhält eine Urkunde und darf sich von nun an Qualified Irish Whiskey Taster nennen. Man besteht das Examen und hat für den Rest des Tages einen schweren Kopf.

Bei dem Wort Whiskey, irisch uisce bheata oder Wasser des Lebens, bekommt unsere Führerin glänzende Augen: “My loved native language”, meine geliebte Muttersprache, seufzt sie mehrfach. Da muss man zeigen, was man gelernt hat, zumal der Whiskey Mut macht:

Mise: Uisce bheata, is maith liom é, cinnte!

Sise: An bhfuil Gaeilge agat, a Jhuergen?

Mise: Tá brón orm, níl mórán. Tá mé ag foghlaim, anois agus aríst – ach níl mé an-chliste!

Sise: No-no-no – ach cén fáth a bhfuil Gaeilge agat?

Mise: Bhí fear as an Cheathrú Rua inár baile sa Ghearmáin agus bhí sé ...

Himmel noch mal, jetzt weiß ich nicht mehr, was ‘unterrichten’ auf Irisch heißt, also wird die Geschichte, wie Beartla aus Carraroe an der VHS in Dortmund Irisch unterrichtete auf Englisch erzählt.

*  *  *

Eigentlich haben wir Hunger, doch die Pubs sind uns zu überlaufen. Da die Sonne scheint, gehen wir ins Green, den St. Stephens Green Park. Wenn ich mich recht erinnere, wurde er von einem Mitglied der Familie Guinness gestiftet. Mittagspausler aus der City schlendern über seine Wege, Verliebte rücken auf den Bänken zusammen, und wenn jemand den Fotoapparat zückt und über das Grün und die blühenden Narzissen hinweg die durch einen Baum hindurchschimmernden roten Backsteinmauern des Shelbourne Hotels fotografiert, hat er sich als Tourist enttarnt.

Wir wandern weiter zum Merrion Square. Frühling lag in der Luft, als wir hier vor drei Jahren unseren letzten Tag in Dublin verbrachten, und nun, im Februar 1999, scheint der Frühling in den Frühsommer übergegangen zu sein. Dublin, Merrion Square, wer hat hier nicht alles schon gewohnt:

No 1: die Eltern von Oscar Wilde. William Wilde, ein bekannter Augenarzt, operierte George Bernhard Shaws Vater am Grauen Star. Shaws Familie wohnte in No 33 Synge Street. Die Operation war nicht allzu erfolgreich, wie der große George Bernhard später schrieb: sein Vater sah danach schlechter denn je.

No 58: Hier wohnte der große Daniel O’Connell, der Mann mit dem höchsten Grabmal der Welt diesseits der Pyramiden.

No 70: Joseph Sheridan Le Fanu, ein Meister viktorianischer Schauergeschichten. Solange seine Frau Susan lebte, ein freundlicher und beliebter Gastgeber, zog er sich nach ihrem Tod von der Welt zurück, empfing selbst seine ältesten Freunde nicht mehr und schrieb von Mitternacht bis in die Morgendämmerung bei Kerzenlicht seine düsteren Geschichten.

No 82: William Butler Yeats, der Poet unter den irischen Schriftstellern und Gründer des Abbey Theaters.

Und noch jemand wohnte hier, wenngleich ich die Hausnummer nicht weiß: Erwin Schrödinger. Ohne dass seine Katze unseren Weg kreuzt, stärken wir uns im Obergeschoss eines nicht ganz so vollen Coffeeshops mit getosteten Sandwichs, bevor wir uns zur Vorbereitung auf die abendlichen Unternehmungen ins Hotel zurückziehen. Nach einer halben Stunde Musiksuche landen wir gegen neun Uhr im gleichen Pub wie in der Vornacht, doch diesmal singt der Sänger wesentlich besser, hat jedoch Probleme, gegen den Geräuschpegel in der Bar anzukommen. Da ist der Piper in einer besseren Position! Aber ist der Mann dahinten an der Bar nicht Kevin Barry, ein uns bekannter Hotelbesitzer aus Clifden? Bevor wir uns aufraffen können ihn anzusprechen, ist er verschwunden.

Auch wir bleiben nicht bis zum Schluss, auch wenn die Musiker ganz hervorragend sind. Auf dem Heimweg mache ich ein paar Aufnahmen vom nächtlichen Treiben in der Temple Bar.

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Freitag, 26. Februar 1999

Wir fahren mit dem DART nach Dalkey. IR£ 2.40 pro Person für die Hin- und Rückfahrt, dagegen lässt sich nichts sagen. ‘Ich bin unterwegs nach Süden und will weiter bis ans Meer’, sang dereinst Hannes Wader, der so manche Melodie einem irischen Folksong entnommen hat. Und so fahren auch wir nach Süden, und manchmal hat man den Eindruck, die Fahrt ginge direkt über den Sandstrand. Ein Zwischenstop in Dún Laoghaire, von wo aus die großen Fähren nach Holyhead jenseits der Irischen See gehen. Paddy goes to Holyhead, lautet der Name einer Musikgruppe – Paddy, der Ire, verlässt seine Heimat. ‘Solange Irland noch Leute hervorbringt mit genügend Verstand, dem Land den Rücken zu kehren, existiert es nicht umsonst’, meinte George Bernard Shaw.

Vor 1922 hieß Dún Laoghaire Queens- bzw. Kingstown, je nachdem, welches Geschlecht in Großbritannien regierte. Heute dürfte der Ort die einzige Stadt Irlands sein, die keinen englischen Zweitnamen besitzt, was dazu führt, dass selbst mancher Ire nicht so recht weiß, wie der Name auszusprechen ist. ‘Duun Lähje’, mit einem unbetonten ‘e’ am Ende, hat uns unser Gälischlehrer beigebracht, doch die Anglo-Iren sagen eher ‘Dann Lirie’.

Doch um auszuwandern hätten wir erst einwandern müssen, und so fahren wir weiter und passieren Sandycove mit seinem Martelloturm, der im Februar geschlossen hat. Hier lebte für eine Jahresmiete von 8 Pfund zwei Jahre lang James Joyce mit seinem Freund Oliver St. John Gogarty. Sonntags schaute des Öfteren Arthur Griffith vorbei, der Gründer der Sinn Féin und spätere Regierungschef des irischen Freistaates. Und hier begann am Morgen des 16. Juni 1904 Joyces Leopold Bloom seine eintägige Odyssee durch Dublin, doch für diese 1000 Seiten Ulysses gab es nie einen Nobelpreis.

Wir verlassen den DART in Dalkey, wo sich Joyce für eine Weile als Schullehrer versuchte. ‘Welcome to the Irish Heritage Town’ begrüßt uns ein Schild am Ortseingang. Wörtlich übersetzt wäre das ein Willkommen in der Stadt des irischen Erbes. Das klingt arg geschwollen, was sich jedoch relativiert, wenn man weiß, dass sich in Irland jedes kleine Heimatmuseum ‘Heritage Centre’ nennt und damit als Ort versteht, an dem man das Erbe seiner Väter pflegt. Doch in Dalkey haben wir dazu keine Chance, denn das ortsübliche Heritage Centre hat geschlossen.

So wandern wir stattdessen die irische Riviera entlang. Sonne, Villen und schlösschenartige Häuser im italienischen Stil mit Namen, die diesen Eindruck noch verstärken – soeben haben wir die Villa Etna passiert. Vor uns liegt Dalkey Island in der blaugrünen See und weit oben im Norden schiebt die Halbinsel von Howth ihren Kopf über die Bucht.

Gegenüber der Villa Strawberry Hill, trotz ihres englischen Namens im italienischen Stil erbaut, geht eine Steiltreppe den Hang hoch. Dort oben, im Torca Cottage, verbrachte George Bernard Shaw die Sommertage seiner Kindheit und schrieb später:

“Wo immer ich auch war, ... nichts übertrifft diesen Blick auf Berge, See und Himmel. Es ist die Schönheit Irlands, die uns zu dem gemacht hat, was wir sind. Ich bin ein Produkt der Aussicht vom Dalkey Hill.”

Wir kommen schnaufend oben an; eine kleine Ansiedlung, wo einst das Cottage der Familie Shaw gestanden hat. An einem Hausdurchgang finden wir eine Tafel mit dem Hinweis, dass von hier aus der junge Shaw den Dalkey Hill erkundet hat, doch ob das Gebäude dahinter noch etwas mit dem ursprünglichen Cottage gemein hat, bezweifeln wir.

Und so steigen wir weiter den Hügel hoch, unter uns der Steinbruch, aus dem das Material zum Bau der Mole von Dún Laoghaire gebrochen wurde. Dalkey zeigt sich nun kaum noch erkennbar in einem riesigen Siedlungsgebiet, das sich um die Bucht herum bis zum nördlichen Horizont erstreckt. Die Grafschaft Dublin als eine einzige Stadt, nur der Badeort Bray im Süden liegt ein wenig isoliert.

Zur anderen Seite geht es den Hügel wieder hinunter und nach Dalkey zurück, in

“... eine unglaubliche Stadt, still Schlaf vortäuschend. Seine Straßen sind eng, geben sich nicht ohne weiteres als Straßen zu erkennen, und wo sie sich kreuzen, scheint dies aus Zufall zu geschehen. Kleine Läden sehen geschlossen aus, sind aber geöffnet”.

So in Flann O’Briens 1964 veröffentlichtem Roman The Dalkey Archive, hier in der Übersetzung von Harry Rowohlt. In einem großen aber gemütlichen Pub gleich neben dem geschlossenen Dalkey-Castle-Heritage-Centre essen wir zu Mittag und genehmigen uns ein Pint. Dann liest mein Mädchen etwas von einer Kirche am Strand, die wir uns noch anschauen könnten. Wir finden sie schließlich auch, umgewandelt in eine Schule. PRIVATE AREA!, Privatgelände, doch ein freundlicher Wächter am Eingangstor lässt uns durch. Bald ist der Unterricht aus und überall stehen die Autos der wartenden Mütter, oft nicht die preiswertesten Modelle. Als wir dann später die Küste entlang wandern und einen Zugang zum Meer suchen, finden wir immer wieder die gleichen Schilder: STRICTLY FOR RESIDENTS ONLY, ausschließlich für Anwohner.

Irlands Riviera, ein Landstrich von mediterranem Flair – doch irgendwie zu elitär für uns, vielleicht auch zu südländisch. Ihr Gegenstück, die Halbinsel von Howth auf der anderen Seite von Dublin, kommt uns da näher. Vom Meer umspült und mit Klippen, von denen aus man bis Wales schauen kann, ist auch sie nicht gerade ein preiswertes Pflaster, aber irgendwie rauer und nicht so vornehm. Keine Frage, Howth wäre eher was für uns. Zeit, dass wir anfangen zu sparen!

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Sonnabend, 27. Februar 1999

Der Tag ist etwas kühler als die vorhergehenden und die irische Sonne kommt in flüssiger Form vom Himmel. Der richtige Tag also für einen Besuch der Nationalgalerie. Bei unserem letzten Aufenthalt in Dublin war sie wegen Renovierungsarbeiten geschlossen und auch jetzt ist ein Teil gesperrt und wird umgebaut. Der Maler Jack B. Yeats, ein jüngerer Bruder des Dichters und Nobelpreisträgers William Butler Yeats, bekommt hier eine Dauerausstellung, die in der kommenden Woche eröffnet wird. Zu spät für uns.

So ganz beeindruckt von der aktuellen Ausstellung sind wir nicht, was aber auch an unserem mangelnden Kunstverständnis liegen kann. Viele italienische und französische Meister, doch am interessantesten finden wir die irischen Künstler im Miltown Flügel der Galerie und hier vor allem die Portraits bekannter irischer Persönlichkeiten. Seán O’Casey hätten wir nicht wiedererkannt! Ein paar Schritte weiter das Connemara Mädchen, das man von unzähligen Drucken und Illustrationen her kennt. Im Treppenaufgang dann ein Monumentalgemälde der früheren Staatspräsidentin Mary Robinson und ihres Mannes Nicholas, ein bärtiger, sympathischer Mann.

Am Nachmittag gibt es im Darkey Kelly’s, einem gemütlichen Nicht-Szene-Pub neben dem Harding Hotel, Musik. Darkey Kelly war ein Schurke, den man 1746 im Stephens Green öffentlich verbrannt hat. Oder war es eine Schurkin? Doch statt dieser Frage nachzugehen, lauschen wir lieber der Musik aus dem Dublin in the Rare Old Times, beziehungsweise dem gleichnamigen Abschiedslied von Pete St. John an das alte Dublin, das den Abrissbirnen zum Opfer gefallen ist.

Auch die vielfach erwähnte Temple Bar, jener Innenstadtbezirk aus dem 18. Jahrhundert, an dessen Rande wir wohnen und durch den wir täglich wandern, war schon für die Abrissbirnen vorgesehen und sollte einem riesigen zentralen Bushof weichen. Da das Ganze nicht so rasch vonstatten ging, kaufte die Stadt die maroden Gebäude nach und nach auf und vermietete sie kurzfristig für wenig Geld an junge Leute, die sie allerdings renovierten und den Bezirk in kurzer Zeit zu einem kulturellen Szenetreff entwickelten, der die Touristen in Scharen anzog. Selbst die Dublin Corporation wagte nicht mehr den Abriss durchzusetzen, und das heißt schon was. Statt der Abrissbirnen kamen die Restaurateure.

Am Abend sind wir im Abbey Theater und schauen uns ‘The Colleen Bawn’, das blonde Mädchen an. Hier ein Auszug aus dem Theaterzettel:

Theaterkarte “... eine klassische Geschichte von Liebe und Intrige zwischen den Klassen im Irland des 19. Jahrhunderts. Die heimliche Hochzeit des Colleen Bawn ruft eine Galerie von Anwälten, Landedelleuten und raues Bauernvolk auf den Plan. ...”

Wir finden die Aufführung ganz toll: Ein temporeiches Stück mit Musik und irischem Tanz, ein paar gälischen Brocken, die wir stolz sind zu verstehen, und einigen sarkastischen Spitzen. So die folgende Szene:

Der Gemeindepriester bereitet aus schwarzgebranntem Schnaps einen Punch, vor sich die Punchschale, der Kelch. Der Schwarzbrenner assistiert (ministriert) ihm, gießt den Schnaps in den Kelch, derweil die Hausfrau von der anderen Seite her heißes Wasser hinzugibt. “Halt, vom Wasser nur ein paar Tropfen”, stoppt sie der Priester. Er nimmt eine Zitronenscheibe, hält sie wie segnend über den Kelch und lässt etwas Saft hineintropfen. Schließlich hebt er ihn andächtig und trinkt verklärt einen Schluck.

Gegen 11 Uhr ist die Aufführung zu Ende und wir wandeln durchs nächtliche Dublin zum Hotel zurück.

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Sonntag, 28. Februar 1999

Ein kalter Wind weht durch die Stadt und zwischendurch regnet es auch schon mal. Etwas ziellos wandern wir durchs Grafton Viertel, schauen in die paar Läden, die heute offen haben, und trinken in Bewley’s Oriental Café einen Cappuccino.

Für zwölf Uhr haben wir uns die große historische Stadtführung vorgenommen. Start: Haupteingang des Trinity College. Berühmte (literarische) Väter studierten hier: Lemuel Gullivers, Draculas und Godots, jener Herr, auf den man auch heute Abend im Duke wieder vergeblich warten wird*. Am Tor der ältesten Universität des Landes eingetroffen, verdunkelt sich der Himmel und wir disponieren um; mit einem Schirm in der Hand in einem Rudel von dreißig weiteren Touristen zwei Stunden lang durch die Stadt zu laufen, das muss dann doch nicht sein.

Da besuchen wir lieber privat das Joyce Cultural Centre in der North Great Georges Street. Die Straße liegt unweit vom Abbey Theater in der Nordstadt und steht in keiner Verbindung zur South Great Georges Street südlich der Liffey, wo wir Anno 1994 vier Tage lang in Kelly’s Hotel residierten. Die North Great Georges Street, deren Ursprünge ins Jahr 1775 zurückgehen, war einst eine vornehme Wohngegend. In unserem Jahrhundert kam sie, wie so vieles in Dublin, auf den Hund, denn Bausubstanz aus kolonial-britischer Zeit galt nichts mehr. Das hat sich geändert, inzwischen wohnen hier Leute, die keine Mühe scheuen die Häuser wieder instand zu setzen und offensichtlich auch das Geld dazu haben.

Auch das Haus Nr. 35 war arg heruntergekommen. Im Jahre 1784 im Auftrag des Earl of Kenmare erbaut – der Graf wohnte hier während der Parlamentssitzungen –, sollte es zweihundert Jahre später abgerissen werden, wurde jedoch durch eine Initiative des Joyce Experten David Norris gerettet. Der Senator schaffte es, in ihm ein Kulturzentrum für Studenten und Bewunderer von Joyce, dem Schriftsteller mit dem Spazierstöckchen, zu etablieren. “Wer ist denn das”, fragte ein Dubliner, als seinerzeit das Joycedenkmal enthüllt wurde. “James fucking Joyce, the man with the brain”, bekam er zur Antwort. Doch das übersetze ich nicht, vor allem nicht das Lieblingswort der Dubliner, das hinter ‘James’.

Doch zurück zu Haus Nr. 35 in der North Great Georges Street. Wir stehen eine Viertelstunde lang vor verschlossener Tür, derweil der Himmel seine Schleusen öffnet. Keinerlei Unterstellmöglichkeit, so dass wir fliuch baite (ertrunken nass) sind, als man uns endlich reinlässt. Zwei andere mit uns wartende Besucher ebenfalls.

Das Joyce Cultural Centre ist weniger ein Museum, als ein Treffpunkt für Joyce-Interessierte, ein Ort für Vorträge und Veranstaltungen. Doch heute Nachmittag gibt es weder Vorträge noch trifft man sich, sondern zeigt uns einen Film. Einen ganz hervorragend gemachten, der eigentlich nur aus historischen Schwarz-Weiß-Fotos besteht, über die eine Kamera gleitet. Sie nähert sich den Personen, holt sie heran, zeigt die Gesichter, entfernt sich wieder, wandert weiter, blendet über zur nächsten Szene – als ob man Joyce und seine Familie durchs Dublin der Jahrhundertwende begleiten würde. Joyces Vater war ein Steuerinspektor und die Familie recht wohlhabend, bis das Familienoberhaupt aufgrund einer Vorliebe für geistige Getränke seinen Job verlor und die Familie vom südlichen Nobelvorort Bray in die Nordstadt ziehen musste. Joyce verließ Irland im Jahr 1904 und besuchte seine Heimat noch dreimal, zum letzten Mal 1912. Sein Ulysses erschien in Paris und wurde in Irland verboten. Vielleicht sollte ich das Buch wieder zu Hand nehmen; irgendwo in meiner Ausgabe muss noch ein Lesezeichen stecken, und das schon seit vielen Jahren. Doch nun ist das Interesse wieder geweckt.

Bloomsday MagazineAnsonsten ist das Haus fast interessanter als das, was man über Joyce erfährt. Auf den Fotos im Treppenhaus ist der Verlauf der Restaurierungsarbeiten dokumentiert, die sich über viele Jahre hingezogen haben. Ob dies alles mit unseren Eintrittsgeldern bezahlt werden kann? Mit dem Kauf einer Jubiläumsausgabe des Bloomsday Magazine erhöhen wir die Einnahmen des Joyce Cultural Centers um weitere zwei irische Pfund. Der Bloomsday, das ist der 16. Juni, der Tag, an dem Leopold Bloom auf tausend Ulysses-Seiten durch Dublin zieht.

Der Regen draußen lässt nach, und unsere Wanderung durch Dublin führt uns wieder nach Süden in die Temple Bar. In einem noch nicht renovierten Haus hat die James Connolly Buchhandlung geöffnet. Als kluger Kopf machte James Connolly mit seiner Citizen Army beim Osteraufstand von 1916 nur wenig überzeugt mit. Am Tag nach seiner Festnahme wurde er schwerverletzt auf einem Stuhl sitzend standrechtlich erschossen.

Der sympathische Inhaber des Buchladens scheint nach Lust & Laune zu öffnen. Ein breites linkes Programm; wer seinen Karl Marx auf Englisch lesen möchte, ist hier gut bedient. Auf der Theke ein großer CD-Stapel mit Liedern aus der irischen Arbeiterbewegung – dass es dergleichen gab, war uns nicht so ganz bewusst. Wir verlassen den Laden mit einem Buch über Dublin’s Famous People And Where They Lived. Connolly ist natürlich auch darin vertreten.

Auf dem Weg ins Hotel werfen wir noch einen Blick in die Fitzsimmon’s Bar, wo Nachmittagsmusik angesagt ist. Nicht nur das: vier Mädchen in kurzen schwarzen Kleidchen formieren sich unter dem Beifall der Guinness-Trinker zu einem Set-Dance. Wenn der Sänger hernach nicht so schmalzig gesungen hätte, wären wir länger geblieben.

Zweifellos ist nicht alles Gold, was aus einer irischen Kehle kommt, doch ebenso wenig ist alles Guinness, was schwarz ist. Erst recht nicht im Porter House in der Parliament Street, wo ich am späten Abend das Sakrileg begehe zwei Pints Guinness zu bestellen – als flüssige Ergänzung zu mexikanischen Chicken Wings, die es in den Variationen Hot, Very hot und Suicide, scharf, sehr scharf und Selbstmord gibt. Das Porter House braut seit 1996 selbst und ist stolz darauf, die zweitgrößte Brauerei Dublins zu sein – gleich nach Guinness. Die Hausbrauerei schlummert nicht im Verborgenen, sondern ist in den sich über mehrere Etagen hochziehenden Gastraum integriert und man kann durch Glasscheiben in die gärende Hefe schauen. Natürlich passen die kupfernen Kessel und Rohrleitungen ganz hervorragend zu einem Pub. Freundlich aber bestimmt werde ich darauf hingewiesen, dass dieser Pub es nicht nötig hätte Guinness zu führen, und disponiere auf zwei Pints hausgemachten Porters um. Der Mann neben mir lacht sich krank, stellt sich als Kilkenny Mann mit Wohnsitz in Dublin vor und meint, er hätte bei seinem ersten Besuch hier den gleichen unverzeihlichen Fehler begangen – dabei sei das Hausporter wirklich hervorragend. Recht hat er, also sláinte mhaith, a chara – prost, mein Freund.

* Der Dublin Literary Pub Crawl, die von zwei Schauspielern gestaltete literarische Pubbekriechung, beginnt traditionell nicht weit vom Trinity College im Oberstübchen des Pubs The Duke mit einer Szene aus Becketts ‘Warten auf Godot’.

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Montag, 1. März 1999

Glasnevin, ein Vorort im Norden. Hier liegen Dublins berühmter Botanischer Garten und der Friedhof von Glasnevin, auf dem sich so manche große Geister versammeln. Schön haben sie’s, unter dem Rundturm Daniel O’Connells. Ob sich der Big und der Long Fellow in seinem Schatten ausgesöhnt haben? Um mehr als 50 Jahre hat der letztere den ersten überlebt, an dessen Tod er nach Meinung vieler nicht ganz unschuldig ist, doch nun hat der Ruhm des ersten den des zweiten überholt.

Mehr dazu später. Wir nehmen den Bus No 134 ab Middle Abbey Street. Es ist einer der kleinen gelben Busse, kein grüner Doppeldecker. IR£ 1.60 sagt der Fahrer und weist auf einen Geldeinwurfsschlitz. Ich werfe IR£ 2.00 ein und erwarte 40 pc Rückgabe, doch Pustekuchen: die Kassiermaschine bedankt sich und druckt zwei Tickets zu IR£ 1.00 aus. Eine Geldrückgabe ist nicht vorgesehen, wer kein Kleingeld hat, zahlt mehr und darf dafür auch weiter fahren. Zum Glück muss er es nicht. Also steigen wir am Botanischen Garten aus. Der Pförtner winkt uns freundlich durchs Tor, der Eintritt kostet nichts.

Ein stiller Morgen, wir sind fast die einzigen Wanderer auf den noch feuchten Wegen. Weithin sichtbar das Wahrzeichen des Gartens, das Palmenhaus, ein viktorianischer Glaspalast. Beim Näherkommen merkt man, dass dieser eine Renovierung dringend nötig hat, und dieser Eindruck verstärkt sich nach dem Betreten: rostige Metallstreben und blinde Scheiben, wohin man sieht. Eine Renovierung ist vorgesehen, erzählt uns eine Gärtnerin, doch wegen der enormen Kosten erst in fünf Jahren. Bereits wunderschön restauriert ist das zweite viktorianische Glashaus, bei weitem nicht so gewaltig wie das Palmenhaus. Ein kleiner Tempel mit einem etwas höheren Mittelbau und zwei Flügeln. Cremefarben die filigranen Metallstreben, blitzend, die Glasscheiben, die sich automatisch öffnen und schließen, je nachdem, wie das Wetter es erfordert. In alten Zeiten waren dafür wohl Gärtnerburschen angestellt. Pflanzen aus aller Welt sind hier zu besichtigen.

*  *  *

Glasnevin Cemetery, © 1999 Juergen KullmannDirekt an den Botanischen Garten grenzt der Friedhof von Glasnevin, dessen Gründung auf die Zeit der katholischen Emanzipation zurückgeht. Selbst von unserem Hotel aus, viele Kilometer südlich von hier, kann man bei klarem Wetter den riesigen Rundturm sehen, unter dem Daniel O’Connell (1775–1847) begraben liegt. Im Jahre 1869 wurde er von einem anderen Friedhofsviertel nach hierher umgebettet. ‘Vater der Nation’ wird er mitunter genannt, und das in zweifacher Hinsicht, denn Gerüchten zufolge hat er mehr als ein halbes Dutzend uneheliche Kinder gezeugt. Ein reichlich groß geratenes Grabmal für einen Menschen, meint mein Mädchen, doch immerhin ehrt es einen der wenigen Patrioten vergangener Tage, die Gewalt als Politikmittel ablehnten.

Was man von Michael Collins, dem Big Fellow, nicht gerade sagen kann. Doch vielleicht wäre Irland ohne ihn nie ein unabhängiger Staat geworden. Als Commander in Chief und designierter Chef des Irischen Freistaats 1922 bei einem Attentat durch Anhänger de Valeras, dem Long Fellow, ums Leben gekommen, liegt sein eher unscheinbares Grab nicht weit vom großen Rundturm entfernt. Blumen und zwei Briefe in Plastikhüllen auf seinem Grab: “Go raibh maith agat, Michael Collins, you are my hero (Danke Michael Collins, du bist mein Held) ...”, beginnt einer von ihnen. De Valera schaffte es später, sich mit der Aura des Vaters der Nation zu umgeben, doch nach seinem Tod vor mehr als 20 Jahren kamen einige Dinge ans Tageslicht, die dazu führten, dass Collins ihn in dieser Rolle posthum ablöste. Schon 1936 schrieb Oliver St. John Gogarty:

“Es waren keine Engländer in der Nähe, als das [der Mord] geschah, aber Mr. De Valera war nicht sehr weit weg, er, der unserem Land in einem Jahrzehnt mehr Schaden zugefügt hat, als England in 700 Jahren. England hat Irlands Moral nie untergraben. De Valera und Degeneration sind synonym.”

Briefe auch auf dem Grab von Big Jim Larkin, dem Gewerkschaftsführer und Mitbegründer der Irish Labour Party, dessen Todestag sich soeben zum 52sten Mal jährte. Auf der O’Connell Street steht auch sein Denkmal.

Wir verlassen den Friedhof durch den Nebeneingang bei Kavanaghs Pub. An dessen Rückseite gab es dereinst eine Durchreiche, um die Totengräber mit Guinness zu versorgen. Nun ist sie zugemauert. Der Bus bringt uns nach Dublin zurück, diesmal sind wir schlauer und zahlen passend.

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Am Nachmittag besuchen wir die Marsh Library. Vom Erzbischof Narcissus Marsh im Jahre 1701 erbaut, war sie die erste öffentliche Bibliothek Dublins und ist eine der ältesten der Britischen Inseln. Die wunderschön geschnitzten dunklen Eichenregale und drei elegante Alkoven, in die die Leser seltener Bücher eingesperrt wurden, sind in den fast drei Jahrhunderten nahezu unverändert geblieben. 25.000 Bücher aus dem 16., 17. und frühen 18. Jahrhundert reichen für einen langen Dublinaufenthalt. Das älteste ist Ciceros Briefe an Freunde, gedruckt 1472 in Mailand, und einige Manuskripte sollen noch älter sein. Anfangs waren viele Bücher angekettet; die Kettenenden ließen sich an einer Stange, die am Regal befestigt war, hin und her schieben.

Die Marsh Library liegt ‘sandwiched’, um mit dem Dublinkenner Éamonn MacThomáis zu sprechen, zwischen der St. Patricks Cathedral und dem früheren Palast des Erzbischof, der heute eine Garda-Station ist. Als Dekan von St. Patrick war Jonathan Swift auch Verwalter der Bibliothek. Doch das ist lange her. Wir klingeln, und eine freundliche ältere Dame öffnet uns und kassiert IR£ 2.00 Eintrittsgeld pro Person. Dann zieht sie sich in eine Art Büro zurück und wir sind alleine in den heil’gen Hallen.

Ein langer Mittelgang, rechts und links die Alkoven mit den über zwei Meter hohen, eichengeschnitzten Regalen. An die Bücher selbst kommt man nicht heran, doch entlang des Mittelgangs gibt es in Glasvitrinen eingeschlossen eine Ausstellung alter Landkarten und Atlanten. Verblüffend, was man vor mehreren hundert Jahren schon über unsere Erde wusste.

Am Ende des langen Ganges ein Büro, in dem drei ältere Damen sitzen. Was sie dort machen, ist uns nicht ganz klar, uns beaufsichtigen jedenfalls nicht. Ich hätte Lust, mich hier um eine Anstellung zu bewerben. Durch eine zweite Tür geht es nach rechts in einen weiteren Bibliotheksbereich, den wir für unser Geld auch noch besichtigen wollen. Ich würde gerne mal das eine oder andere Buch zur Hand nehmen, doch das ist nicht möglich. So wandern wir ehrfürchtig zurück und lassen die Eingangstür leise hinter uns zufallen.

*  *  *

Unsere letzte Nacht in Dublin. In der Temple Bar ist es uns zu laut, und das Jüngelchen im Merchant’s Pub mit seinem contemporary folk ist auch nicht unser Fall. Also wandern wir über die Liffey in die Nordstadt in Hugh’s Pub. Vor fünf Jahren sind wir hier einmal auf der Suche nach Musik gestrandet; damals war der Pub eine völlig touristenfreie Zone.

Das ist er immer noch, sieht man von uns ab. Vier Musiker (zwei Geigen, ein Banjo und ein Frau mit einem sechseckigen Mini-Akkordeon, weiß der Teufel wie das Ding heißt) spielen Jigs, Reels und Hornpipes. Plötzlich steht jemand auf und schiebt einen Tisch beiseite. Man beteiligt sich an der Aktion und entfernt einen zweiten. Und schon stehen vier Paare auf den Dielen und führen einen Set-Dance auf. Was brauchen wir da noch Riverdance?

Four Courts by night, © 1999 Juergen KullmannDas war er, unser letzter Abend in Dublin. Eine laue Nacht, als wir bei den Four Courts wieder über die Liffey kommen.

Es ist windstill, Anna Livia schläft ihren Schlaf und das nächtliche Dublin spiegelt sich in ihren Wassern:

I found my Love by the gas works cry
Dreamed a dream by the Royal Canal,
Kissed my girl on the Liffey Bridge,
Dirty old town, dirty old town.

Zum Anfang der Reise

 

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Dienstag, 2. März 1999

Der Morgen graut, und beim Blick aus dem Fenster sehen wir in den Anlagen der Dublin Corporation wieder jene gebeugte alte Frau, von der wir schon seit Tagen den Eindruck haben, dass sie täglich zur gleichen Zeit volle Plastiktüten unter den Büschen und Stauden deponiert um sie am nächsten Morgen wieder einzusammeln. Zunächst dachten wir, sie würde ihren Müll dort abladen, doch warum holt sie ihn am Folgetag wieder ab? Sind es Gaben für die Feen, oder verwandeln diese ihr Stroh in Gold?

Dass es sich bei dem Areal der Dubliner Stadtverwaltung um einen Feengrund handelt, ist sehr wohl möglich. Beim Bau des Kolosses entdeckte man hier die Reste der ältesten Wikingersiedlung Irlands, die Keimzelle Dublins. Doch die Dublin Corporation ließ sich nicht erweichen und goss ihren Beton in die Ausgrabungen. Die Anwältin, die damals die Bürgerbewegung gegen den Bau vertrat, hieß Mary Robinson, später wurde sie Irlands Staatspräsidentin. Da stand der Betonklotz bereits.

All dies erfahren wir eine Stunde später beim Besuch der Viking Experience gleich nebenan. Fünf Irische Pfund kostet die Führung und drei Teilnehmer gibt es an diesem Morgen: mein Mädchen, mich selbst und einen jungen Dubliner namens Thomas.

Ein wilder Wikinger mit Schwert holt uns ab, führt uns in die Unterwelt und lässt uns in einem Wikingerschiff Platz nehmen. Dann startet die Fahrt über den tosenden Atlantik; es stürmt und blitzt, ein paar Regentropfen prasseln auf uns herab, bis wir schließlich im Jahre 850 in der Liffeymündung an Land gehen, dort, wo 1150 Jahre später die Dublin Corporation ihren Beton hingießen wird.

Wir befinden uns in einem Wikingerdorf. Dubh Linn, dunkler Tümpel, nennt es sich und wird später einmal Dublin heißen. Vor uns eine halb abgebrannte Hütte, daneben tatsächlich ein dunkler Tümpel – die Abortgrube, erklärt uns unser wilde Führer. Er fragt uns, was er mit uns machen soll. Seine Hütte neu aufbauen lassen, die durch den Funkenflug seines Nachbarn, eines Schmiedes, in Brand geraten war, oder uns auf dem Sklavenmarkt verkaufen? Erst nach der Versicherung unseres Mitgefangenen Thomas, dass er, wenngleich Dubliner, weder ein Kelte noch verwandt mit König Brian Ború (der seinerzeit die Wikinger aus Irland vertrieben hatte) sei, wird die Idee mit dem Sklavenmarkt fallengelassen.

Dann muss unser wackerer Wikinger fort und überlässt uns seiner hübschen Nachbarin, die uns in ihre Hütte führt und dort ein wenig über das Leben im Dorf erzählt. Wie es scheint, war es die Hauptaufgabe der Frauen das Bier zu brauen. Unsere Informantin warnt uns dringend Wasser zu trinken, das sei im Gegensatz zu Bier höchst ungesund. Wir versprechen es hoch und heilig. Sie weist auf einen riesigen Krug und erzählt, dass ein erwachsener Mann sechs davon pro Tag trinken würde. “Sechs ???”, fragen wir. Sie ist verdutzt ob unserer Zweifel. “Es ist gesund und macht stark”, erläutert sie, “und man trinkt es von Kindesbeinen an.” Daher also der Spruch Guinness makes you strong!

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Am späten Vormittag schlendern wir noch einmal in Richtung Grafton Street, passieren die lange Passage in dem imposanten Backsteingebäude an der Great South Georges Street, in dem früher der City Markt stattfand. Heute findet man hier Antiquariate, Second-Hand-Geschäfte, Trödelläden, Lebensmittelspezialitäten und vieles mehr. Mein Mädchen möchte ein Stück einer Dubliner Käsespezialität erstehen, doch bei dem Händler ist der Strom ausgefallen – weder lässt sich die Kasse öffnen noch funktioniert die Waage. So schätzt man das Gewicht in der hohlen Hand und einigt sich auf einen Preis, den man mit dem Kleingeld aus zwei Portmonees zusammenbekommt. Ein gutes Geschäft, wie wir später feststellen.

Nur wenige Meter weiter sehe ich bei einem kleinen Buchhändler ein dickes dreibändiges Werk, The Origin and History of Irish Names of Places von P. W. Joyce, um 1920 erschienen. Ich besitze den Nachdruck einer Kurzfassung aus dem Jahr 1923, ein schmales Bändchen von gut hundert Seiten, das seinerzeit nur ein paar Pfund kostete. Und nun stehen die drei dicken Originalbände vor mir. 75 Pfund will der Händler dafür haben, wahrscheinlich sind sie’s wert, aber ich trau’ mich nicht und gehe rasch weiter.

Doch ohne einen Bucheinkauf kann man nicht zurück ins fremde Deutschland fliegen. Da gibt es noch Fred Hanna’s Antiquariat in der Nassau Street, gleich neben dem College Green. Schon neulich hatte ich dort George Moores A Story-Teller’s Holiday in der Hand, zwei Bände, gedruckt 1929 und erst teilweise aufgeschnitten. Als Zeitgenosse Yeats war er einer der wenigen kritischen Geister der kulturellen Selbstbesinnung Irlands, und Aussagen wie ‘nichts gedeiht in Irland, außer dem Zölibat, dem Priester, der Nonne und dem Ochsen’ machten ihn nicht allzu beliebt. Wie dem auch sei, die beiden Bände müssen mit!

Es wird Mittag. Wir sitzen im Darkey Kelly’s, dem netten Pub beim Harding Hotel an der Christ Church, essen einen Bissen und trinken ein Pint Guinness. Das war es also, unser Dublin, für dieses Mal. Hinter mir eine Bücherwand mit alten Schmökern und mein Mädchen fotografiert mich davor, natürlich mit einem Pint Guinness in der Hand.

Wir fahren mit dem Taxi zum Flughafen. Grau hatte der Tag begonnen, nun reißt der Himmel auf. Strahlend blau wird er, als wir über die Liffey fahren. Fare thee well, Anna Livia.

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Weitere Reiseberichte


Reiseberichte Irland: Dublin 1999
© 2000 Jürgen Kullmann – Letzte Bearbeitung: 12.07.2006