Irisches Tagebuch 2016

From Renvyle Quay down to Bantry Bay

 

Sonnabend, 25. Juni 2016

Hildegard an Gisela – Brief aus Irland

Liebe Gisela — Ich will die Kommunikation mit dir nicht mit zwei identischen Briefen ausklingen lassen. Es ist sicherlich langweilig, mit einem Tag Abstand zwei mehr oder weniger identische Briefe zu erhalten, doch kann ich dir aus Erfahrung sagen: es ist auch langweilig, einen Brief zweimal zu schreiben, nur weil man meint, dass der erste wegen der fehlenden Länderangabe die Adressatin nicht erreichen wird. Ich konnte ja nicht ahnen, dass es für die irischen Post auch ohne Nachhilfe sonnenklar ist, dass Gevelsberg in Germany liegt.

Unterkunft in Bantry, © 2016 Hildegard Vogt-KullmannWir sind jetzt wieder aus West-Cork zurück. Unser Zimmer in Bantry war ok: ein kleines Stadthäuschen, das Zimmer im Obergeschoss zur Straße hin und darunter ein Craftshop. Die Fenster begannen in Kniehöhe und endeten unterm Kinn. Bad und Zimmer waren hübsch und sehr sauber, das Bett super und mit schöner Bettwäsche ausgestattet. Das Frühstück mussten wir im Städtchen einnehmen, da wir ein B ohne B gemietet hatten. Ich war davon ausgegangen, dass es genügend Cafés in Bantry gibt; so war es auch, doch in den meisten gab es nur ein ‘cooked breakfeast’ oder Scones. Außerdem ist der morgentliche Geräuschpegel in irischen Cafés zu hoch für mich: Kaffeemühlen und Espressomaschinen klingen wie mittelgroße Dampfmaschinen mit angeschlossener Sägemühle, dazwischen ein Zischen, Schnauben, Rattern, Ratschen und Scheppern … So bin ich jetzt froh, wieder im Cottage zu sein.

In Bantry findet freitagvormittags ein Markt statt, auf dem wir vor unserer Abreise noch Brot (Sauerteig !), Käse, Oliven, Chorizzo und Tomaten gekauft und uns daraus am Abend ein Luxusmahl bereitet hatten. Schon lange hatte mir ein Käsebrot nicht mehr so gut geschmeckt! Das Cottage mag zwar etwas rumpelig sein, doch lässt es sich hier gut und stressfrei leben.

Noch einmal zurück zu West-Cork, das in Meeresnähe an Connemara erinnert. Wir haben Mizen Head, Garinish Island (italienischer Garten) und Bantry House besichtigt und waren meist zwischen 10 und 18 Uhr unterwegs – eine Coachtour mit Blitz-Reisen ist nichts dagegen. Die Menschen sind sehr nett da unten, und der Tourismus hält sich, wenn man von den touristischen Highlights absieht, in Grenzen. Der Anteil deutscher Urlauber ist dabei sehr hoch, so dass ich nach diesem Ausflug mehr deutsche als irische Münzen im Portmonee habe. In Glengariff nahe der Grenze zu Kerry habe ich den wohl größten Craftshop des Landes aufgetan, in einem Bruchsteinhaus über drei Etagen und alle vollgepackt mit Pullovern, Jacken, Shirts, Decken, Schals, Hüten, Mützen, Leinen, Deckchen, Pottery usw.

Es war zwar weit, aber der Ausflug in den Süden hat sich gelohnt, und es war auch schön, mal etwas Neues zu entdecken. Das Wetter ist weiterhin nur mittelprächtig; wir hatten schon bessere Sommer.

Noch eine neue Erfahrung, von der ich berichten möchte, ‘Reduction Hunting’ will ich sie mal nennen. In West Cork besichtigten wir ziemlich viele Locations, die eine admission fee verlangten, und die ist in Irland meist nicht so ohne. Ein viertel Jahrhundert älter als bei unserem ersten Besuch auf der Grünen Insel wurde es zu meinem Sport, nach ‘Ruductions for Seniors’ zu fragen. Das hatte im Frühjahr auf Gozo wunderbar geklappt, und hier funktionierte es auch! Manchmal liest man auf den Preislisten auch einen ermäßigten Preis im Falle von concessions; das heißt, ‘unter bestimmten Umständen’ ist es billiger, und einer davon kann das Alter sein. Bislang wollte noch nie jemand genau wissen, wie alt wir denn sind, geschweige denn einen Ausweis sehen. Ich hatte nie behauptet über 60 zu sein, doch allein die Frage, ob es Altersermäßigungen gibt, reichte schon aus, um ungefragt zwei ‘Senior Tickets’ ausgestellt zu bekommen. Darüber hinaus gibt es manchmal Prospekte, die mit Gutscheinen verbunden sind. Zwischen drei und sechs Euro haben wir so pro Ticket gespart.

Mit schönen Grüßen von
Hildegard und Jürgen”

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Sonntag, 26. Juni 2016

Hildegard an Gisela – Brief aus Irland

Liebe Gisela — Ich setze meinen Brief von gestern fort. Wir waren heute Abend im Angler’s Rest, ein schöner Abend! Ein junger Amerikaner, von dem der eine Elternteil irisch und der andere deutsch ist, vervollständigte mit seiner Bodhrán die aus Frank und Kieran bestehende Band. Er sah aus wie zwischen 28 und 30 und erzählte, er habe mit seiner Frau und seinen Kids Cottage No. 9 gemietet. Vor fünfundzwanzig Jahren sei er als Student zum ersten Mal hier gewesen, also so etwa um die Zeit auch unseres ersten Besuches in Tully Cross. Wie alt mag er nun wirklich sein? Wieder eine Zeitschleife!

In der vergangenen Woche gab es hier einen Erd- bzw. Bog-Rutsch auf der N 59 zwischen Recess und Clifden. Seither ist die Straße komplett gesperrt. Durch den Starkregen war der Bog am Hang aufgeweicht und ins Rutschen gekommen. Und er rutscht immer noch weiter, so dass man die Sache bislang nicht unter Kontrolle bekommen hat. Das Ergebnis sind Riesenumleitungen für die Autofahrer, die von Clifden nach Galway und zurück wollen, in der einen Richtung durchs Inagh Valley und dann via Letterfrack, in der anderen über Ballyconneely und Roundstone.

Tschüss und bis zum nächsten Mal
Hildegard und Jürgen”

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Montag, 27. Juni 2016

Wir machen uns auf nach Roundstone, den Errisbeg zu besteigen, was wir in den vergangeen 24 Jahren nicht geschafft haben. So um die Jahrtausendwende herum hatten wir schon einmal einen Anlauf dazu unternommen, doch von der Stelle aus, die uns in einem Wanderführer als Ausgangspunkt nahegelegt worden war, keinen Pfad zum Gipfel gefunden.

Auf dem Errisbeg, © 2016 Jürgen KullmannDieses Mal starten wir mitten im Dorf und steigen die schmale, zunächst recht steile Straße gegenüber dem Hafen hoch, bis sie bei einem Anwesen mit einem Rosenbusch vor einem zerfallenen Bruchsteincottage endet. Durch ein Holztor linkerhand gelangt man auf den in einem aktualisierten Wanderführer beschriebenen ‘rough track to the summit’. Nicht nur ‘rough’, sondern mitunter auch arg feucht ist er, aber die Blick auf Roundstone und die Bucht wird von Meter zu Meter beeindruckender.

Roundstone Bay, © 2016 Jürgen Kullmann Schließlich, wir sind schon ziemlich weit oben, kann man nur noch erraten, was denn nun der ‘track’ sein soll, und muss sich den Weg selbst suchen. Als wir dann gar nicht mehr weiterwissen, erinnern wir uns an die beiden Ameisen aus Hamburg und tun es ihnen gleich:

In Hamburg lebten zwei Ameisen,
Die wollten nach Australien reisen.
In Altona auf der Elbschaussee
Da taten ihnen die Beine weh,
Und so verzichteten sie weise
Dann auf den letzten Teil der Reise.

Wir sind ja schon so gut wie oben, lautet der Beschluss. Doch beim Abstieg beäugt uns kritisch ein dickes Schaf: “Die wollen auf dem Gipfel gewesen sein? Bääh, wer’s glaubt, wird selig, der kann auch gleich in die Bratröhre hupfen!”

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Weitere Reiseberichte


Reiseberichte Irland: Connemara und West Cork 2016
© 2017 Jürgen Kullmann – Letzte Bearbeitung: 08.02.18