Irisches Tagebuch 2016

From Renvyle Quay down to Bantry Bay

 

Sonnabend, 11. Juni 2016

Sunny spells and seasonal showers begleiten uns auf der Fahrt in den irischen Westen, das Auto ein drei Monate alter Ford Fiesta. Der übliche Versuch von Hertz, uns gegen einen saftigen Aufpreis zu einem ‘upgrade’ zu bewegen, war zuvor erfolgreich abgewehrt worden: “No upgrades, no extras!” Der Stopp in Galway für den ersten Einkauf bei Lidl schlägt mit € 113 zu Buche, davon rund vierzig Euro für Wein. Für weniger als sechs Euro ist kaum eine Flasche erhältlich – kein Wunder bei einer Weinsteuer von € 4,25 pro Liter, wozu dann noch 21 % Mehrwertsteuer kommen.

Renyle Thatched Cottages, © 2016 Jürgen KullmannMit dem Cottage gibt in diesem Jahr keine Probleme. Der Schlüssel steckt und geputzt ist auch, für Connemara-West-Verhältnisse sogar recht ordentlich. Über die Asche im Ofen sehen wir großzügig hinweg, als Anne Jacks cleaning lady mit einem ‘welcome back’ hereinschaut und fragt, ob alles in Ordnung ist. “Perfect”, meint mien Deern … abgesehen von der defekten Stehlampe und dem fehlenden zweiten armchair. Der wird sogleich aus dem momentan leerstehenden Nachbarcottage herangeschafft und die Stehlampe mit der dortigen ausgetauscht. Immerhin haben zum ersten Mal seit Menschengedenken alle Wandlampen Schirme und nicht eine Glühbirne fehlt oder ist durchgebrannt. Sogar die Gardinen sind gewaschen, stellt mein Mädchen fest. Nachdem wir unseren Kram vom Dachboden geholt und das Cottage in ein PC (personal cottage) verwandelt haben, knurrt der Magen.

Kurz nach acht erscheinen wir im zweiten Anlauf im Restaurant von Paddy Coyne’s Pub, nachdem man uns im ersten um eine halbe Stunde vertröstet hatte. Bei europäischen Meisterschaften lassen sich selbst Iren dazu herab, im Fernsehen Fußballübertragungen zu verfolgen, erst recht, wenn eine irische Nationalmannschaft von im Ausland kickenden Spielern an ihr teilnimmt. So starrt in dem Gang nach hinten alles auf den unter der Decke hängenden Fernseher, auch wenn die Boys in Green heute pausieren. Nach ein paar Irrungen und Wirrungen begründet (a) durch unser mäßiges Englisch und (b) weil Seán nicht wusste, was Liam bereits arrangiert hatte, nehmen wir an einem Hochtisch Platz, während zwei Meter vor uns ein einsamer Musikant seine Technik aufbaut. Besser hätten wir es nicht treffen können.

Mein Mädchen bestellt sich eine Muschel-Meeresfrüchte-Platte – trotz der dazugehörigen Austern! Die kann man hier sogar essen, meint sie im Nachhinein, schmecken gar nicht so intensiv nach Brackwasser wie vor zwanzig Jahren bei Davy Byrne’s in Dublin. Nicht, dass sie jetzt für Austern schwärmen würde, aber genießbar seien sie schon. Für mich gibt es Lammkoteletts mit erstaunlich viel Fleisch dran; ein Löffel Mintsauce dazu hätte ihnen noch einen weiteren Stern eingebracht. Das Gemüse ist traditionell-irisch geschmacksneutral. € 4,10 kostet das Pint Guinness in diesem Jahr, ich glaube, es ist der gleiche Preis wie im letzten.

Nach dem dritten Vorbeilaufen nimmt uns Gerry wahr, nicht der von der Sinn Féin, sondern der Landlord. Was nicht heißen muss, dass er nicht zu ihnen gehört, denn immerhin wird hier manchmal die Hauspostille der Partei verkauft. Er meint, wir hätten den Regen mitgebracht, der aber für sein Business nicht von Nachteil sein dürfte.

The times they are a-changing – da habe ich doch das Paar neben ihm gar nicht wiedererkannt, die nicht mehr ganz so junge Frau mit dem langen, schwarzem Haar und ihren Begleiter mit dem kurzen blonden Schopf. Mien Deern mit ihrem detektivischen Blick aber doch: Tim O’Sullivan, der einst langmähnige Küchenchef vom Renvyle House mit seiner bis zum letzten Jahr noch blonden Angetrauten, der jüngsten Tochter des seligen Johnnie Coyne. Und der sagen unsere Gesichter auch noch etwas.

Zur Musik: Nette Oldies von den Beatles bis zu den Herren Simon und Garfunkel. Ein bisschen Wild Rover und Whiskey in the Jar ist auch dabei.

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Sonntag, 12. Juni 2016

s ist schwer spät aufzustehen, wenn man es lange nicht mehr geübt hat, und so sitzen wir schon um halb neun am Frühstückstisch.

Eine Stunde später betreten wir Veldon’s Country Shop in Letterfrack, nach ein paar Dingen Ausschau zu halten, die wir im Cottage vermissen – alles in allem ganz erfolgreich, nur eine Spülbürste finden wir nicht. Den butcher von nebenan gibt es nicht mehr, statt dessen steht bei Veldon’s im Laden eine Theke mit abgepacktem Frischfleisch. Für frischen Fisch allerdings muss man jetzt bis nach Clifden reisen. Ansonsten nichts Neues im Westen, auch Rose Coyne’s The Diamond Hair Studio existiert noch. Wir dürfen ihr nur nicht verraten, für wie wenig Geld man in Tönning am Markt zum Friseur gehen kann. Auf dem Parkplatz treffen wir Liam Aspel, der uns verrät, an welchen Tagen er bei Lowry’s Musik macht.

Nachdem wir unsere wenigen Einkäufe ins Cottage geschafft und die Liebste den unteren Teil des Duschvorhangs in einer auf einem Stuhl stehenden Schüssel mit dem bei Veldon’s erstandenen, nach Chlor riechenden Bleichmittel gehängt hat, machen wir uns auf nach Tully.

Es ist ein trüber Tag, aber nicht kalt. Der Tankstellenladen von Tully kennt auch keine Spülbürsten. Über den ‘Rentnerweg’ geht es dann zum Renvyle Quay hinunter. Der hintere Teil des Anlegers ist abgesperrt, wie es aussieht, wird er neu gepflastert. Auf dem vorderen picknickt eine Familie mit Hund auf grauen Steinen vor einer grauen Mauer unter einem grauem Himmel. Der Hund ist uns nicht ganz geheuer, kommt herbeigetrottet und springt uns an, scheint es aber freundlich zu meinen. Wir wandern weiter und finden hinter der nächsten Kehre auf einem grünen Feld abseits des Weges einen Sitzstein mit Aussicht auf die Bucht.

Ein sanfter Regen setzt ein und wir ziehen weiter. Die Picknicker an der Mole hinter unserem Rücken auch. Doch schon bald versiegt der Regen und wir machen einen Abstecher zu den O’Connor’s Cottages, von denen das links der Straße im letzten Jahr abbrannte. Als wir es vor zwei Jahren als mögliche Unterkunft für Freunde besichtigten, meinte mein Mädchen, sie habe das Gefühl, es sei ein unglückliches Cottage, eines, auf dem ein böses Omen liegt. Ein bedrückender Anblick, die Ruine, sicher auch für die Feriengäste im Cottage rechts des Weges. Doch warum reißt man das verkohlte Gebälk und Mauerreste nicht einfach ab und gibt den Blick auf die Bucht frei?

Ein Abend im Pub, © 2016 Hildegard Vogt-KullmannAm Abend im Angler’s Rest, die Coyne’s machen Musik. Kieran ist bereits sehr lustig, da sind wohl schon einige Pints durch seine Kehle geflossen. Sein girl friend ist auch da und sitzt auf einem Barhocker. Es dauert eine ganze Weile, bis wir mit all den welcome backs durch sind: Frank & Kieran, Patrick Sammon, seine Mädels hinter der Theke und einige andere, die uns besser zu kennen scheinen als wir sie. Star des Abends ist jedoch ein Mädel aus Australien, das barfuß und gekonnt Jigs und Reels tanzt. Sláinte mhaith, na dann prost!

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Montag, 13. Juni 2016

Eileen Óg mischt sich ein

MEin Abend im Pub, © 2016 Hildegard Vogt-Kullmannoin tosamen — so, jetzt muss ich aber auch mal etwas schreiben, denn ich glaube, sonst wird dieser Tag in unserem Reisetagebuch unterschlagen. Habe ich doch Nis Puk, Jan Hinrich, Paddy-the-Sailor, Shaun dem Schaf und allen anderen, die in Tönning bleiben mussten, versprochen, dass sie von jedem Tag einen Bericht bekommen!

Der Fahrer unseres Leihwagens meinte, es müsse wohl daran liegen, dass heute der 13. ist, als kurz hinter Letterfrack ein Piepen im Auto ertönte und der Schriftzug Check Tyre Pressure auf dem Display erschien. Mir jedoch war die Ursache sofort klar, denn ich hatte das Piepen gleich damit in Zusammenhang gebracht, dass er ein paar Kilometer zuvor am Steuer geträumt und einen Stein am Straßenrand angeschrappt hatte. Von wegen “eine schlecht gelaunte Fee, die sich von einem benachbarten Feenhügel aus einen Spaß erlaubt hat”, wie er sich herauszureden versuchte. Man darf dem Kleinen Volk nicht alles in die Schuhe schieben!

Wie auch immer, sie haben dann die Reifen gecheckt, gemerkt, dass es aus dem linken Hinterreifen zischelte, und das Notrad aus dem Kofferraum draufgemacht. Auch wenn sie technisch etwas beschränkt sind, klappte das ohne meine guten Ratschläge. Zurück zu Mr. Sammon vom Western Autopoint in Tullycross, doch das Profil von dem Reifen, den er ihnen anbot, sah so ganz anders aus und gefiel ihnen nicht – auch wenn er meinte, das würde in Irland nichts ausmachen, hier sei man nicht so pingelig. Er war aber gar nicht sauer und hat ihnen einen anderen Autopoint in Clifden empfohlen. Der Mann dort war ebenso nett und hat auf die Felge einen Reifen aufgezogen, der fast so aussah wie der alte. Das würde bei der Rückgabe des Autos kein Mensch merken, meinte er. Das Notrad wurde so sauber gemacht, dass man nicht mehr sah, dass schon einmal damit gefahren wurde, und ins Auto zurückgepackt. Siebzig Euro hat der Spaß gekostet, aber über die Mietwagenfirma wäre das bestimmt viel teuerer gekommen.

Anschließend gingen sie noch ein bisschen in Clifden bummeln und shoppen, haben bei Manions geluncht, und ihre Laune hat sich wieder normalisiert. Der Fahrer, soviel darf ich verraten, war nach dem Vorfall schon sehr geknickt, doch die Deern hat überhaupt keine bissigen Bemerkungen gemacht und ihn getröstet. So einfühlsam, wie ich auch immer bin.

gez. Eileen Óg
Reise- und Navigationsschaf

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Dienstag, 14. Juni 2016

Visit the local craft shops empfiehlt ein zwanzig Jahre alter Connemara-Reiseführer für Regentage. Wir beginnen bei Kylemore Abbey. Man hat die Mautstelle wieder ein Stück in Richtung Schloss zurückgelegt, so dass Fotografen auch ohne die Eintrittsgebühr zahlen zu müssen einen guten Standort zum Fotografieren finden. Das muss man nutzen, auch wenn der Himmel grau und die Luft feucht ist, denn wer weiß, welche Schikanen sich die Sachwalter des Anwesens im nächsten Jahr ausdenken. Wir bedanken uns im Craftshop mit dem Kauf zweier Kunst-Postkarten im Gesamtwert von € 5,50.

Der nächste local craft shop soll das Sheep-and-Wool-Centre in Leenaun sein, doch bei drei Reisebussen, die ihre Fracht vor der Tür entladen, macht das heute keinen Spaß. Das gesamte Café wurde für sie reserviert. So schlendern wir nur durchs Dorf, betrachten den grauen Fjord unter dem grauen Himmel und erkunden, was sich sonst alles nicht geändert hat. Auch den kleinen Kramladen gibt es noch, ich erwerbe eine Zeitung.

Zurück geht es über die coast road, vorbei am Loch Fidh und dem Schweinesee. Die Poststelle im King Store zu Lettergesh ist dem Sparprogramm von An Post zum Opfer gefallen, statt dessen ist dem Laden seit zwei Jahren ein kleines Café angeschlossen. Eine sehr freundliche Atmosphäre und ein netter Inhaber; so kommen wir nun doch noch zu einem Afternoon Tea mit leckerem Apfelkuchen.

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Mittwoch, 15. Juni 2016

Hildegard an Gisela – Brief aus Irland

Liebe Gisela — bei 14 °C (Außentemperatur) sitzen wir im Cottage. Wir kommen gerade von einem Spaziergang zurück, dem einst von dir entdeckten ‘Friedhofsweg’. Das Torffeuer brennt, da könnte ich meiner Cousine ja einen Brief schreiben. Hier ist er:

Torffeuer, © 2013 Juergen KullmannIn Dublin angekommen sind wir noch bei Sonnenschein, pünktlich und ohne Probleme. Nach einer halben Stunde Anstehen – das dauerte auch schon mal länger – konnten wir einen fast funkelnagelneuen Ford Fiesta in Empfang nehmen. Netter Wagen! Sogar unsere beiden Trolleys passten in den Kofferraum, das war im letzten Jahr beim Golf nicht der Fall.

Den linken hinteren Reifen hatten dann allerdings die Feen und Leprechauns verhext, denn der fuhr mit uns gleich am Montag gegen ein Stück Stacheldraht oder einen Stein, mit dem Ergebnis, dass die Luft langsam aus ihm entwich. Das bekam der Wagen mit und er protestierte: Please check the tyre pressure! Nach dem Austausch des Rades durch das Notrad und einer kurzen Beratung im Western Autopoint sind wir ins Tyre Centre nach Clifden gefahren, ein Ein-Mann-Betrieb in einer etwas größeren Garage mit Obergeschoss. Der nette Mensch hat uns innerhalb von zehn Minuten einen neuen Reifen aufgezogen, das Rad montiert und das Ersatzrad nebst Zubehör (Wagenheber, Schraubenschlüssel) fachmännisch im Kofferraum verstaut. Siebzig Euro hat der Feenspaß gekostet.

Nachdem Anne Jack unsere Buchung im letzten Jahr vergessen hatte und wir ein nicht für Gäste vorbereitetes, arg schmuddeliges Cottage vorfanden, hatte Jürgen unsere Landlady in der vergangenen Woche noch einmal an unsere Ankunft erinnert. Es hat gewirkt ! ! ! Das Cottage ist frisch gestrichen, die Küche recht sauber und Waterford Crystal ziert den Kaminsims. Sogar die Gardinen sind gewaschen.

Inzwischen fühlen wir uns hier wieder zu Hause, man lebt hier irgendwie in einer Zeitschleife. Wesentliches hat sich nicht geändert, aber es gibt jetzt WiFi. Der Hotspot für No. 1 hängt neben dem Bodenzugang oben an der Wand. Super! Ich will mich ja für meinen Aquarellkurs im September vorbereiten und durchforste das Internet nach Lehrvideos wie ‘Mein erster Baum’, ‘Wolken und Himmel’, ‘Meer’ usw. Es ist erstaunlich, was man da alles findet. Den ganzen Abend lang hatte ich mir gestern Anleitungen angeschaut und am Ende den Eindruck: Jetzt kann ich es. Doch Pustekuchen, meine ersten Versuche waren ja so etwas von jämmerlich! Unser Reiseschaf Eileen Óg hatte dann gleich einen guten Ratschlag. Vom Videoschauen, meinte sie, sei noch keine Meisterin vom Himmel gefallen, aber Üben würde sicher helfen. Wenn das Wetter so bleibt, werde ich ausreichend Gelegenheit dazu haben. In den letzten drei Wochen schien hierzulande, wie uns glaubwürdige Zeugen berichteten, nur die Sonne, und so sehen wir uns dem Vorwurf ausgesetzt, den Regen mitgebracht zu haben.

Frank und Kieran spielen sonntags im Angler’s Rest und Frank samstags in Molly’s Bar. Ihrer Mutter Margaret geht es nicht sehr gut, zweimal am Tag kommt der Pflegedienst. Sie liegt nur noch im Bett, schläft meist, und die Familienmitglieder wechseln sich täglich ab, um ihr Gesellschaft zu leisten. Immerhin hat sie zehn Kinder.

Ansonsten laufen hier noch viele der alten Gesichter herum, manche verändern sich kaum. Clifden ist auch noch wie immer.

So, jetzt muss ich nach dem Feuer schauen und mache Schluss. Viele Grüße auch von meinem Irelandman. Er fühlt sich hier wie immer wohl, egal ob es regnet, windet oder die Sonne scheint.

Mit schönen Grüßen von
Hildegard und Jürgen”

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Donnerstag, 16. Juni 2017

Clifden St. Marys Church, © 2016 Juergen Kullmanns bleibt von gestern noch etwas nachzutragen: die Entdeckung der Mauerreste von Clifdens ältester katholischer Kirche, der St. Mary’s Church aus dem Jahr 1820, schlummernd in einem verborgenen Wäldchen oberhalb der Tankstelle und des Garden and Vegetable Market, der allerdings keine Vegetables mehr führt.

Ein lauschiger Ort, er scheint erst kürzlich zugänglich gemacht worden zu sein. Ein gewundener Weg führt unter einem Dach von Bäumen zwischen umgefallenen Grabsteinen zu dem, was von der Kirche nach zweihundert Jahren geblieben ist. Es war eine Zufallsentdeckung, denn eigentlich kamen wir in die Stadt, um in der Buchhandlung unten an der Straße Aquarellpapier und Pinsel zu erstehen. Gut 50 Euro kostete der Spaß. “Das sind aber keine Urlaubskosten”, wirft die Liebste ein.

*  *  *

Beim Erwachen scheint die Sonne, nach dem Frühstück ist der Himmel wieder grau. Wir sind unterwegs nach Westport, unter anderem mit einer Bitte von Anne Jack, aus Berry’s Printing Shop von ihr dort bestellte ‘Meter Books’ mitzubringen. Wir parken kostenlos beim Einkaufszentrum schräg gegenüber dem Bahnhof und finden den Shop – doch die Dame hinter dem Tresen hat keine Ahnung, wovon wir reden. Wir geben ihr Annes Telefonnummer. Wie es scheint, war es der Verwalterin von Renvyle Thatched Cottages nicht klar, dass die Hefte anderen Ortes gedruckt wurden, wo sie dann auch abzuholen gewesen wären. Doch man gibt sich Mühe und verspricht nach weiteren Telefonaten, dass sie hierher gebracht werden und wir sie nach unserem Stadtbummel einpacken können.

Sind wir schon wieder in einer Zeitschleife? Wir fühlen uns nicht anders als vor einem Vierteljahrhundert. Die Zeit scheint stehen geblieben zu sein, bis auf den Verkehr, der damals meist floss und heute meist steht. Der gesamte von Nord und Ost kommende Verkehr des 21. Jahrhunderts zwängt sich durch die Bridge und Shop Street, um nach Süden zu gelangen. Zwei Zeitstränge, die sich verheddern.

Wir schlendern einmal ums Karree, und mein Mädchen ersteht in einem der Läden ein maritimes Blüschen. In einem herrlich altmodischen Café an der steinernen Standuhr aus dem letzten Jahrhundert stärken wir uns mit einem Ziegenkäsesalat. Willow Café & Tea Room nennt es sich, aber von einer Weide ist nichts zu sehen. Beim Verlassen vergessen wir unseren Einkaufsbeutel mit der zuvor im Market 57 an der Bridge Street erworbenen farb- und zusatzstofffreien Mint Sauce, doch hängt er zehn Minuten später immer noch an der Stuhllehne.

Gegen drei Uhr sind wir wieder in Berry’s Printing Shop. Die Meter Books sind – erwartungsgemäß – nicht da. Die Dame telefoniert noch einmal. “Just a few minutes”, heißt es, es werde sich jetzt gleich ein Kurier auf den Weg machen. Wir setzen uns auf die Bank dem Laden gegenüber, und nach zehn Minuten winkt sie uns über die Straße.

*  *  *

Tawnyard Lough Co. Mayo, © 2016 Juergen KullmannWolken und Sonne wechseln einander ab. Von Louisburgh kommend fahren wir über den Dúloch Pass und zweigen hinter dem Schwarzen See links ab in die Sheeffry Hills, auf eine Straße, an die wir uns aus grauen Vorzeiten eines vergangenen Jahrtausends erinnern. War sie damals auch so schmal, oder sind die Autos heute doppelt so breit? Hoffentlich kommt uns nur keiner entgegen; ich habe keine Lust, rückwärts fahrend eine Ausweichstelle zu suchen. Doch außer Schafen zeigt sich nichts auf der Straße, die sacht zwischen den green rolling hills ansteigt. Auf der Passhöhe ein Rastplatz, der zweifelsohne aus diesem Jahrtausend stammt; wir halten an und blicken auf Tawnyard Lough hinunter. Und auch wenn ich dem Gemeinplatz, dass ein Bild mehr als tausend Worte sagt, nicht immer zustimme, belasse ich es hier bei einem Foto.

Es folgt die Stelle, an der die Straße auf der Karte einen großen Haken schlägt, ehe sie ins Tal hinunter führt. Es ist der Abschnitt, der ihr in der Erinnerung die Identität gegeben hat. Immer, wenn wir in den letzten zwanzig Jahren sagten “wir könnten mal wieder über den Sheeffry Pass fahren” und es dann doch nicht taten, hatte ich ein Bild von dieser Wegstrecke vor Augen – und finde es jetzt nicht wieder. Kann es sein, das die Bäume und der Wald, die sich auf diesem Bild befinden, komplett abgeholzt wurden?

Nun geht es ins Tal hinab, über schmale, gewundene Serpentinen immer eng am Hang entlang. In der Ferne naht ein Auto; ich sehe hundert Meter voraus eine Ausweichstelle, halte an, warte eine Weile und lasse es passieren. In der Niederung verbreitert sich die Fahrbahn. Die ersten Anzeichen von Besiedlung tauchen auf, eine Bauernschaft mit einer Schule, und Gegenverkehr löst keine Panik mehr aus. Nach vielen weiteren Meilen, wohl dreimal so viele wie gedacht, stoßen wir ein gutes Stück weiter nördlich als gedacht auf die N 59 und fahren via Leenaun nach Hause.

Kurz vor dem Ziel noch ein Stopp bei Veldon’s in Letterfrack, denn wir haben Hunger. Der Seebarsch ist ganz lecker, doch der Salat dazu wird in einer Portionsgröße serviert, die sonst dem Kaviar vorbehalten ist.

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Freitag, 17. Juni 2016

Die Sonne ist weg. Wir machen im Uhrzeigersinn den ‘großen Renvyle Bog Walk’ über die Moore zwischen Tully Cross und dem Dawros River, in den vergangenen Jahren schon mehrfach hier beschrieben. Dass wir den Abzweig von der Kylemore Road ins Moor erst im zweiten Anlauf fanden, sei ja nichts Neues, meint mit spitzer Zunge Eileen Óg, als wir vier Stunden später ins Cottage zurückkehren.

Aber etwas Neues gibt es doch zu berichten. Der Platz an der Dawros Bridge, auf dem die Straßenbauer zwei Jahrzehnte lang ihren Schottervorrat gelagert hatten, wurde zu einem Rast- und Aussichtspunkt über den Ballynakill Harbour ausgebaut. An der Mauer oberhalb der Reste der alten Brücke aus dem vorletzten Jahrhundert (derweil die ‘neue’ daneben auch so langsam ersetzt werden müsste) befindet sich jetzt eine Gedenktafel:

In memoriam of Mrs. Geraldine Gilbert Henry, third daughter of Mitchell and Margaret Henry of Kylemore Castle, who died tragically at this spot on Wednesday 21st September 1892. Unveiled by Geraldine’s great-grandson George Timmins Stone, 28th April 2016.

Zur Erinnerung an Mrs. Geraldine Gilbert Henry, dritte Tochter von Mitchell und Margaret Henry zu Kylemore Castle, die an dieser Stelle am Dienstag, dem 21. September 1892 auf tragische Weise ums Leben kam. Enthüllt durch Geraldines Urenkel George Timmins Stone am 28. April 2016.

Nachdem er bereits seine Frau verloren hatte, war die Tochter des Erbauers von Kylemore Castle beim Überqueren der Brücke mit ihrem Pferdewagen in den Fluss gestürzt und erst Stunden später tot aufgefunden worden.

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Weitere Reiseberichte


Reiseberichte Irland: Connemara 2016
© 2017 Jürgen Kullmann – Letzte Bearbeitung: 13.07.17