Irisches Tagebuch 2003

Ar ais arís

 

Sonnabend, 14. Juni 2003

Für morgen haben wir den Kylemoregärtner Frank und seinen Logiergast zum Dinner ins Cottage eingeladen. Also fahren wir nach Clifden um ein paar Dosen Guinness einzukaufen, die dort um einiges billiger sind als bei Veldon’s in Letterfrack.

Auf dem Weg zum Auto zurück noch ein kurzer Besuch im Book & Artist’s Shop an der Main Street. Mein Mädchen erwirbt zwei Pinsel (preiswerter als neulich in Westport) und ein paar Farben. Derweil durchforste ich die Regale und erstehe ein Buch mit historischen Reiseberichten aus dem County Galway, beginnend mit Giraldus Cambrensis im Jahr 1185 und endend mit einem Ausschnitt aus Pete McCarthy’s Bar von anno 1996. Die Bibliothek über dem Kamin braucht Nachschub.

*  *  *

Es wird Nachmittag und wir wandern zu Johnnie nach Mullaghgloss. Dreiundachtzig wird er im November, öffnet im blauen fabric-knit Aransweater die Tür. Margaret, noch in den Siebzigern, kommt hinzu; es folgen die unvermeidlichen Umarmungen. Den angebotenen Whiskey lehnen wir dankend ab – es macht sicher einen guten Eindruck auf Margaret, wenn wir ihrem Johnnie keinen Vorwand geben, als Gastgeber selbst einen zu trinken. So loben wir ihren Tee und verzehren ihre Kekse Marke Balsen.

Ein bisschen Klatsch und Tratsch über die Familie: Kieran kommt inzwischen als Witwer ganz gut zurecht und ist eine Art Supervisor für die FÁS-Leute* von Kylemore Garden. Frank arbeitet im Connemara National Park und Kevin, der Frank kürzlich zum Großvater machte, wird im Juli in Schweden – Schweiz! korrigiert Margaret unüberhörbar – heiraten. Dann geht es um Krankheiten, eigene und fremde, schlimme und weniger schlimme.

Passend zum einsetzenden Regen machen wir uns nach zwei Stunden wieder auf den Heimweg, Johnnie begleitet uns noch nach draußen. Er ist verdutzt, dass wir gelaufen und nicht mit dem Auto gekommen sind. Dann hätten wir doch wirklich seinen Whiskey trinken können! Er sei früher auch ein bisschen Auto gefahren, verrät er, habe aber nie einen Führerschein besessen. Zum Einkaufen sei er meist mit dem Fahrrad und zwei Taschen am Lenker zu Paddy Coyne’s gefahren, damals, als der alte Paddy noch lebte. Da gab es dann ein Anschreibebuch – nicht schlechter die heutigen Kreditkarten! “So long and God bless you”, er würde mal schauen, vielleicht bis morgen Abend bei Sammon’s.

* Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, in Deutschland nennt man dergleichen ABM.

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Sonntag, 15. Juni 2003

Wir machen den ‘Renvyle Bog Walk’, den großen Rundgang über das Moor. Nicht ohne Hintergedanken, denn wir brauchen Torf für den Kamin – als Brikettergänzung für den richtigen ‘smell’. Mein Mädchen wandert voran, derweil ich ein paar Fotos schieße. Da sehe ich sie auf der Kuppe eines Hügels sitzen: Turf Thief Making a Rest, ein ungemaltes Bild von Jack B. Yeats. Hinreichend verlorenen Torf finden wir auch; ab in die Tüte und rein in den Rucksack.

*  *  *

Es wird Nachmittag, wir sitzen bei Tee und aufgewärmten Apple Tarts vor dem Cottage. Touristen steigen aus einem Auto. Amerikaner? “A nice cottage”, das erste echte, das er in seinem Leben sähe, meint der Mann unter dem Cowboyhut. Ob er ein Foto machen dürfe? Er darf.

Der Tee ist kalt geworden, ein Schluck Whiskey wärmt von innen. Ein Rotkehlchen kommt vorbei, setzt sich auf die Mauer. “Haben wir uns nicht früher schon einmal gesehen?” Moment mal! Ich blättere im Reisetagebuch. “Stimmt, 7. Juni 1999.” “Hab ich’s doch gewusst, see you later.” Es flattert von dannen.

*  *  *

Durch den großen Wald, © H. Vogt-KullmannAdventure, adventure! Werden wir uns heute Abend in den RTÉ-Nachrichten sehen, morgen an Telefonmasten genagelt unsere Steckbriefe bewundern? Der Gärtner aus Kylemore hat uns zu einer Privatbesichtigung des viktorianischen Gartens eingeladen. Nun besitzt er zwar einen Schlüssel zum Walled Garden, jedoch keinen zu den drei Toren, die man passieren muss, ehe man oben ankommt. Videoüberwacht! steht am ersten unten bei der Tullywee Brücke. “Ist alles abgeschaltet”, wiegelt Frank ab, und wir klettern hinüber. Autsch, das geht beim Runterspringen ins Kreuz! Desgleichen beim nächsten Tor. Der Weg durch den großen Wald, denn dies bedeutet Coill Mór, ist Touristen inzwischen verwehrt, sie werden vom Schloss mittels Shuttle-Bus herbeigekarrt.

Das war vor drei Jahren noch anders, da durfte der Besucher, sofern er seinen Obolus an einem Holzhäuschen bei Tullywee Brücke entrichtet hatte, alleine den Hang zum Garten hochwandern und konnte dabei den silbern glänzenden Diamond Hill jenseits des Tals bewundern. Und vor der Jahrtausendwende? Wer sich damals auskannte, kam auch ohne Eintrittskarte aufs Gelände.

Doch nun stehen wir im Garten, der am schönsten am Vormittag oder späten Nachmittag ist, wenn das Licht flach das Grün streift und von den drei Meter hohen und fast einen Meter dicken Mauern reflektiert wird, die anderthalb Jahrhunderte überstanden haben. Vor uns der englische Lustgarten und jenseits des den Hang herunterkommenden Flüsschens der Nutzgarten, der inzwischen auch zu einem Show-Garten geworden ist. Zwar werden Kartoffeln und dann und wann etwas Salat geerntet, das meiste jedoch pflanzt man an und überlässt es dem Lauf der Natur. Die wenigen Arbeitskräfte, die das Management zu bezahlen in der Lage ist, können sich nicht auch noch um die Ernte kümmern.

Doch nun müssen wir gehen. Es wird Zeit fürs Dinner und dann wartet der Pub.

*  *  *

Es ist nach zehn, Frank und Kieran machen wie an jedem Sonntagabend bei Sammon’s Musik. Da kommt Johnnie mit Charlie durch die Tür. Ein Schluck an der Theke, dann setzt er sich mit seinem Pint und einem Whiskey zu uns in die Musikerecke. Seit Monaten sei er nicht mehr im Pub gewesen, grinst er, doch heute, am Father’s Day, könne es ihm Margaret nicht verbieten. Er weist auf das Pint Guinness und den Whiskey: das sei alles, mehr werde er heute Abend nicht trinken! Ein Vorsatz, den er nicht halten wird.

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Montag, 16. Juni 2003

The rocky road to Galway. So richtig schön holprig ist die N 59 zwischen Recess und Galway allerdings schon lange nicht mehr, eigentlich ist sie sogar recht glatt. Zwischen Kylemore und Leenaun hingegen scheinen die Proteste der SOIP (Save Our Irish Potholes) Bewegung gefruchtet zu haben, und seit der Straßenabschnitt vom Ministerium für Kunst, Kultur und die Gaeltachtgebiete ins NHRCP (National Heritage Road Conservation Programme) aufgenommen wurde, bekommen die schon fast ausgestorbenen Schlaglöcher eine neue Chance.

Wenn dann an einem warmen Sommertag der erste kleine Brocken von einem Rent-A-Car aus dem Asphalt geschleudert wird, naht nicht mehr gleich der schreckliche Teerwagen um das noch junge Leben im Keim zu ersticken, sondern das noch kleine Pothole kann wachsen und gedeihen, bis es groß und stark und tief geworden ist, Menschenleben retten – erwiesenermaßen sinkt die Zahl tödlicher Verkehrsunfälle mit der Zahl der Potholes – und Arbeitsplätze bei lokalen Autowerkstätten und Reifendiensten sichern. Kein Zufall, dass mit der Ausrottung der Potholes das irische Wirtschaftswachstum zu sinken begann. Der keltische Tiger hatte nichts mehr zu beißen.

*  *  *

Unser Weinvorat geht zur Neige, und so fahren wir nach Galway und decken uns beim Lidl mit chilenischem Roten ein, ehe wir in die Stadt schlendern. Irland richtet in diesem Jahr Die Special Olympics aus, die Olympischen Weltspiele der ‘people with mental problems’, wie es hier heißt. 162 Städte und Ortschaften sind Gastgeber für jeweils ein Land, zum Beispiel Belfast für die USA, Kilkenny für Deutschland, Clifden mit seinen anderthalbtausend Einwohnern für Estland, Westport für Luxemburg und Galway für Großbritannien.

Bei strahlendem Sonnenschein begrüßt Galway seine Olympioniken, derweil meine Kamera 50 Meilen von hier in einem Cottage hinter den Twelve Bens liegt. Ein Pfeifen und Trommeln kommt die High und Quay Street herunter, die Parade naht. Voran trommelnde Jungen und Tinwhistle spielende Mädchen der Claddagh National School, gefolgt von Kindern und Jugendlichen in Phantasiekostümen, die einen bunten Karren schieben und ziehen, auf dem dargestellt wird, dass wir alle Kinder dieser Erde sind. Dann kommen die Athleten, fröhlich winkend in die Menge rufend, was von den Passanten begeistert erwidert wird. Unten am Spanish Arch stoppen unabhängig von der Ampelfarbe die Autofahrer und begrüßen die Gäste mit einem Hupkonzert.

Am Nachmittag versammelt sich alles am Eyre Square, von einer Bühne schallt ein Platzkonzert. Galway Welcomes Great Britain, verrät ein Banner der Welt. Auf dem Rasen davor ein einziges Menschengetümmel, und wer da ein ‘mental problem’ hat und wer nicht, ist nicht mehr auszumachen.

*  *  *

Gegen sechs sind wir wieder auf dem Heimweg. Das Geklapper der Flaschen im Kofferraum beunruhigt ein wenig, und so stoppe ich, ehe wir ins Inagh Valley abbiegen, und schiebe einen Pullover zwischen die Lagen. Denn nicht nur für uns, sondern auch für unsere Freunde im Rainbow House haben wir uns eingedeckt. Jetzt wissen wir auch, warum die Autos, die nachmittags aus Galway zurückkehren, so viel langsamer sind als die, die morgens in die Stadt hineinfahren. Wenn man bei Lidl war und den Kofferraum mit Flaschen vollgepackt hat ...

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Dienstag, 17. Juni 2003

Hildegard an Gisela – Letter From Home

Liebe Gisela – Die Medizin zur Kurierung meiner Krankheit habe ich wohl nicht hinreichend dosiert, und so gesellten sich zu den Halsschmerzen Husten und Schnupfen. Dann entdeckte ich auf meiner rechten Mandel weiße Punkte – der Anlass, heute Dr. Nee aufzusuchen. Nun habe ich zwei Tüten Pillen, weiße und hellblaue, und darf mir nächste Woche das Ergebnis der Urinuntersuchung abholen.

Nein !!! Ich habe ihr wirklich nichts von einer Blasenentzündung erzählt. Den Blutdruck hat sie auch gemessen, am rechten und linken Arm. Auf meinen bescheidenen Hinweis, dass sich mein Arzt in Deutschland mit einer Seite zu begnügen pflegt, konterte sie, dass das nicht in Ordnung sei. Die Werte könnten differieren und ich solle ihn mal darauf hinweisen! Hätte die Dame – im gleichen Tweedkostüm, in dem auch du sie kennen gelernt hattest – ein EKG-Gerät, so hätte sie garantiert eines gemacht.

Egal, Hauptsache die Pillen helfen bald, sehr bald! Zum Kochen habe ich keine rechte Lust, das Einkaufen gestern in Galway war auch recht anstrengend. Im Café Journal an der Quay Street genossen Jürgen und ich jeder ein ‘Hot Baguette’. Sie hätten unterschiedlicher nicht ausfallen können: meines halb kalt und seines halb warm! Ansonsten verursacht ein kaltes Guinness bei mir nichts als Hustenanfälle. Schrecklich, nicht wahr ?!

*  *  *

So, jetzt aber Themenwechsel. Johnnie ist ok, hat aber so manches Zipperlein und macht nur noch sporadisch in Clifden Musik. Rauchen und Trinken hat er (angeblich) eingestellt. Nur am Sonntag nach der Messe geht er noch in den Pub, doch vorgestern war er auch am Abend da. Father’s Day, da hatte Margaret es ihm erlaubt.

Kieran und Frank haben sich kaum verändert. Zur Zeit ist Kevin zu Besuch. Der könnte dich auf der Straße umrennen, und du würdest ihn nicht erkennen! Kurze Haare, ein richtig hübscher Junge ist er geworden. Ähnlichkeiten mit seinem kleinen Bruder sind vorhanden, vermutlich hat auch Frank mal so ausgesehen. Mit ihm gesprochen haben wir nicht, Johnnie hat im Pubgedränge nur auf ihn hingewiesen.

Laut Aussage der Locals soll es in Clifden – wieder einmal – ‘very quiet’ sein. Tagsüber ist dort jedoch der Bär los. Manch ein kleines, schiefes (und innen feuchtes) Haus, das wir aus unseren ersten Jahren kannten, ist inzwischen vom Erdboden verschwunden, der Ersatz von der Fassade her zwar ganz passabel, doch ohne die typischen Giebelkamine mit fünf oder sechs Rohren. Schade !!!

Gestern haben wir in Galway auch den Lidl besichtigt. Im letzten Jahr war ja der Aldi dran, der uns nicht sonderlich beeindruckt hatte. Der Lidl hingegen ist ganz nett. Die Auswahl fast wie in Deutschland, ergänzt durch landestypische Produkte. Und die Preise verglichen mit dem SuperValu tief im Keller!

Hier auf Renvyle gibt es inzwischen so eine Art Lidl-Tourismus. Jeder schreibt auf, was er braucht, und einer aus der Einkaufsgruppe fährt los und bringt alles mit. Besonders beliebt sind Mitglieder mit einem Kombi oder Minibus. Ich bin ja mal gespannt, wann das große Aussterben der kleinen Läden beginnt. Doch Brian ‘across the road’ hält sich tapfer, und wir kaufen mindestens einmal am Tag eine Kleinigkeit bei ihm ein, auch wenn es anderen Ortes billiger ist. Und Jürgen holt sich dort jeden Morgen den Irish Independent; er würde zwar lieber die Irish Times lesen, doch die führt Brian nicht. Wer das Local Business fördern will, muss Opfer bringen ...

So, nun geht langsam die Sonne unter und ich begebe mich besser ins Haus, denn während ich diesen Brief schrieb, ließ ich mich von ihr vor dem Cottage bräunen. Muss mich auch wieder um meinen Hals kümmern, und werde dann mit Jürgen einen kleinen Rückenlockerungs-Spaziergang machen. Er hat es seit unserem Einbruch im Kylemore-Garten im Kreuz.

Bis bald und einen Gruß,
Hildegard”

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Mittwoch, 18. Juni 2003

Grau ist der Himmel, doch dann und wann schaut die Sonne durch die Wolkendecke. Kalt ist es bei alledem nicht. Als der Regen gegen 10 Uhr nachlässt, waschen wir eine Runde Wäsche. Sie flattert nun auf der Leine hinter dem Cottage, derweil wir Richtung Renvyle House Hotel fahren. Dort soll es einen netten Spazierweg um Golfplatz und See geben, haben uns die Lübecker verraten.

Wir lassen das Auto vor dem Tor zur Hotelzufahrt mit ihren Bosheitshuckeln – speed bumps nennt man sie hierzulande – stehen. Schließlich ist unser Leihwagen in diesem Jahr ein Fiat, und mit einem solchen hatten wir anno ’93 auf eben dieser Zufahrt Bodenkontakt. Dann gehen wir die schmale Straße rechts der Mauer zum Meer hinunter.

Wie immer, wenn der Fotorucksack im Cottage geblieben ist, findet sich etwas zum Fotografieren. Es sind die Reste eines alten Bruchsteinhauses, das einst recht ansehnlich gewesen sein muss, die hohen Giebel Menhiren gleich in den Himmel ragend. Dass sie die Stürme bei der breiten Angriffsfläche noch nicht umgeworfen haben, verwundert. Rechts von der Ruine ein grüner Hügel mit kaffeebraunen Kühen, die neugierig die beiden Wanderer inspizieren, links voraus die Bucht und das Meer und dahinter die Berge Mayos und Connemaras.

‘Würden die Menschen den langen Sandstrand von Tramore kennen, oder das silberne Portmarnock, wo die großen Transatlantikflugzeuge abheben, oder die in kein Bild passende Westküste Irlands, wo das von zwei Seiten bespülte Renvyle liegt, was für eine Invasion gäbe das!’,

schrieb Oliver St. John Gogarty 1936, und vielleicht sollte ich das Schreiben nun einstellen, damit diese Invasion nicht stattfindet. Gogarty gehörte das Renvyle House, auf das die IRA dem Befürworter des irischen Freistaats vor ziemlich genau 80 Jahren den roten Hahn setzte. Seine Nachfahren besitzen noch heute ein Häuschen auf Heather Island, der kleinen Insel im Tully Lake.

Nun sind wir am Wasser und stoßen hinter dem heutigen Hotel auf den zugehörigen 8-Loch-Golfplatz, der seinerseits an einem kleinen Loch, dem Loch Róisín Dubh (See der kleinen schwarzen Rose) liegt. ‘Since 1st July 2001 Residents Only’, lesen wir auf einem Schild, fühlen uns aber nach 12 Jahren auf Renvyle resident genug, um uns als solche zu verstehen. Und wer weiß schon, welches Jahr man gerade schreibt?

Ein niedriger Wall trennt den leuchtend grünen Rasen vom breiten, steinigen Strand. Es ist Ebbe und vieles, was wir jetzt als Inseln ausmachen, liegt bei Flut unter Wasser. Bis auf Crump Island, dort lebten einst Menschen und man erkennt noch eine Ruine. Am Ende des Golfplatzes verlassen wir den Wall und wandern weiter den Strand entlang, bis er bei Ard na gCraobhach die Straße erreicht, über die es im Bogen zurück zum Auto geht. Es beginnt zu regnen; hinter unserem Cottage flattert im Weichspülgang die Wäsche an der Leine.

*  *  *

Kurz nach zehn in der Bar des Station House Hotels, die vor der Stilllegung der Strecke in den 30er Jahren der Warteraum des Endbahnhofs der Midland Great Western Railway Co. war. Frank und Schwiegersohn Michael wollen hier heute Abend die Gäste unterhalten.

Frank and Michael, © Jürgen KullmannUnter den wartenden Passagieren auch Franks ‘Baby’ Caroline, seit letztem Sommer Michaels Frau. Unsere Anreise nach Clifden war bequem wie nie: Frank hatte uns in Tully Cross aufgegabelt und die Diskussion erspart, wer den Fahrer zu spielen hat.

So wird die Veranstaltung fast zu einem Privatkonzert, denn abgesehen von seinem ‘Baby’ und Fanclub hält sich nur noch eine Familie mit Tochter im Wartesaal auf. Und als der Zug nach Galway um Mitternacht immer noch nicht eingetroffen ist, bringt uns Frank nach Tully Cross zurück.

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Donnerstag, 19. Juni 2003

Als es gegen halb zwölf zu regnen aufhört, fahren wir nach Clifden, noch nicht so recht wissend, wie es dann weitergehen soll. Die Entscheidung fällt an der Kirche: nicht in die Stadt, sondern die Galway Road runter zum Clifden Glen Village. Ein Feriendorf, doch die Häuschen sind ganz hübsch. Wenn es nur nicht so viele wären. Zu dieser Jahreszeit wirkt die Anlage wie ein Geisterdorf.

Hinter dem Haus No. 12 geht es links den Berg hoch, auf einem schmaler Pfad immer am Hang entlang. Tief unter uns der Owenglen River, ein Wäldchen am Fluss, Stromschnellen und ein kleiner, schäumender Wasserfall. Hier sollen ab Mitte Juni die Lachse springen; noch sehen wir keine.

Nun wendet sich der Pfad nach links, während der Fluss im Tal geradeaus weiterfließt. Was tun? Zum Fluss hinuntersteigen, wie es der Rambler’s Guide Connemara empfiehlt, oder den Wandermännchen auf den verwitterten Holzpfosten folgen, die den Berg hochweisen? Wir entscheiden uns für das letztere, vermuten, dass der Weg im Bogen zum Feriendorf zurückführt.

Der Trampelpfad, zunehmend feucht und matschig, bringt uns von einer Hügelkuppe zur nächsten. Dann geraten wir in eine Schauer – nun noch ein paar Blitze, und wir geben ein wunderbares Ziel ab. Die Grundrichtung des Weges stimmt: unter uns taucht, wenngleich tiefer als vor einer Stunde, das Feriendorf auf. Doch der auf keiner Karte verzeichnete Weg scheint nicht hinab, sondern in die Berge zu führen. So verlassen wir ihn und steigen vorbei an einem alten Wasserspeicher querfeldein ins Dorf hinunter. Bei Haus No. 45 haben wir wieder asphaltierten Boden unter den Füßen.

*  *  *

Ein Zettel ward gestern Mittag unter unsere Cottagetür geschoben, hier ins Deutsche übertragen:

Donnerstag 19. Juni 2003:

Verkaufsaustellung
Handgemachter Schmuck und
handgemachte Rahmen
Paddy Coyne’s, Tully Cross, 7.30 p.m.
1 Glas Wein für jeden Besucher

Dann mal rüber!

Die künstlerischen Glasperlenassembles sind zwar handwerklich gut gemacht, finden aber keine Gnade vor den Augen meines Mädchens. So erwerben wir, um uns unser Glas Wein zu verdienen, einen Bilderrahmen – den kann man immer mal gebrauchen.

Schon im Rückzug begriffen, werfen wir einen Blick in St. Anne’s. Das ist der gemütlichste Teil des Pubs und liegt, kommt man zur Tür rein, hinter einem kleinen Durchgang links um die Ecke: Kaminfeuer, gepolsterte Bank, Hocker mit Rückenlehnen. Neben der Theke ein Alkoven mit einem Sitzkissen, hier gab es früher eine Tür zu des seligen Paddy Coyne’s Laden, den jetzt Brian, der Bruder des Pubkeepers führt. St. Anne’s nennt man im Dorfjargon diesen Winkel, in den es oft die Älteren zieht, in Anlehnung an das Altenheim St. Anne’s in Clifden.

Doch jetzt steht hier John Martin mit einem Pint Guinness neben dem Kamin, ist gerade mit einer kleinen Gruppe englischer Touristen eingetroffen und lässt sie von ‘St. Anne’s Staff’ mit Barfood aufpäppeln. Uns würde ein Guinness auch gut tun, meint er, und hat bereits zwei geordert. Wir weisen sie nicht zurück.

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Freitag, 20. Juni 2003

Nach einem gemächlichen Tag in Roundstone (ein bisschen im Ort herumgelaufen, ein bisschen gewandert, ein bisschen was gegessen und in Malachy’s Craftshop nichts gekauft) sitzen wir nun in Molly’s Bar. Man sieht fast nur Einheimische, abgesehen von einem amerikanischen Pärchen (er trinkt Budweiser) und uns. Für einen gewöhnlichen Freitagabend haben sich ungewöhnlich viele fein gemacht, so auch der Sekretär der Letterfrack Writer’s Group, der, begleitet von Frau und Tochter, in Anzug und Krawatte erscheint. Schulabschluss? Feiert man das Leaving Certificate der jungen Dame?

Zwei Frauen kommen durch die Tür, die eine um die zwanzig, die andere mehr als doppelt so alt. Die jüngere in einem schmalgeschnittenen Kleid aus grün schillerndem Panne-Samt, ihre ältere Begleiterin mit langen Zöpfen und in einem Indian-Ethno-Gewand, das sie, so ist anzunehmen, schon zum Woodstock Festival von 1970 trug. Sie schauen in die Runde und setzten sich zwischen uns und das amerikanische Pärchen – die sie einrahmenden Touristinnen sichtlich fasziniert ob des Aufzugs der Damen. Die Amerikanerin fragt etwas. “Midsummer Night Eve”, antwortet die Grünsamtene und das Rätsel ist gelöst: wir huldigen den keltischen Göttern der Mittsommernacht.

Es ist nicht so laut wie oft in Molly’s Bar, und der ortsübliche Trinker, der stets mit allen tanzen will, (noch) nicht eingetroffen. Frank und Kieran singen und spielen unsere Favourites ohne dass wir sie requesten, als neben meinem Mädchen die Hände der ‘Indianerin’ eine imaginäre Bodhrán zu schlagen beginnen. Das müssen die keltischen Geister mitbekommen haben, denn urplötzlich liegt eine reale Bodhrán vor ihr, alt und abgegriffen. Sie beginnt zu spielen. “My mother!” flüstert die Zwanzigjährige stolz zu uns rüber.

Erneutes Geflüster und Getuschel, dann Überredungsversuche, und schließlich geht die Mutter der jungen Dame zum Mikrophon, lässt sich nach einem weiteren Beweis ihres Könnens auf der Bodhrán von Frank die Gitarre geben und singt den ‘Lonesome Boatman’, das berühmte Flötenstück der Fureys. Erst auf Englisch und dann auf Gälisch! Die Texte habe sie selbst geschrieben, verrät sie, als sie vor Jahren in Neufundland lebte und Heimweh nach Irland hatte.

Eine halbe Stunde nach zwölf stimmt Frank Amhrán na bhFiann an, und noch nie haben wir so viele Gäste die Nationalhymne mitsingen hören. “Oíche mhaith agus slán abhaile”, versuchen wir uns stilecht von der Grünsamtenen und ihrer Mutter zu verabschieden.

*  *  *

Und während wir in dieser ersten Stunde des neuen Tages heimfahren, stürmen in Dublin, Cork und Galway Jugendliche die Buchläden und wollen alle nur das eine: Harry Potter and the Order of Phoenix, seit Mitternacht zum Verkauf freigegeben.

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Reiseberichte Irland: Connemara 2003
© 2004 Jürgen Kullmann – Letzte Bearbeitung: 25.01.2007