Irisches Tagebuch 2017

Ein zweites Mal gen Süden

 

Montagabend, 5. Juni 2017

SEileen Óg und Jan Hinrich im Paddy Coynes, © 2017 Jürgen Kullmanneit zwei Tagen sind wir in Irland. Die Anreise sollten wir besser ausblenden, meinen Eileen Óg und Jan Hinrich rechts im Bild, aber ihre Flugreise im Rucksack sei auch kein Zuckerschlecken gewesen. Also schweige ich mich darüber aus, wie wir nach der Landung in Dublin feststellten, dass wir unser Adressbüchlein vergessen hatten. Wie um alles in der Welt sollen wir der Welt jetzt mitteilen, dass wir auf der Grünen Insel sind? “Nicht nötig”, meint mien Deern, “nach 25 Jahren dürfte jeder begriffen haben, dass wir im Juni immer in Irland sind.” Doch ist in dem Heft trickreich verschlüsselt auch die PIN-Nummer unserer Kreditkarte notiert. Hoffentlich brauchen wir sie nicht!

Auch schreibe ich nichts über unsere Gesichter, als man uns bei Hertz statt des gebuchten Kleinwagens ein Monsterauto von einem Skoda Octavia aufdrückte. Zwar ohne Aufpreis, doch wie soll man mit so viel Blech vorne, hinten, rechts und links in Parklücken hinein, zum Glassilaun-Strand hinunter und die Straße zum Mám Éan Pass hinaufkommen? Des weiteren schreibe ich nichts über unsere Gefühle, als, gerade auf die Autobahn nach Westen gefahren, eine Anzeige auf dem Armaturenbrett behauptete, wir hätten zu wenig Reifendruck. Also wieder runter von der M4 und eine Tankstelle aufgesucht! Ein netter junger Mann checkte den Wagen und meinte, der Druck sei eigentlich auf allen vier Reifen in Ordnung, erhöhte ihn aber dennoch ein wenig. Die Anzeige warnte beim Weiterfahren erneut und ließ sich nicht vom Gegenteil überzeugen.

Nach etwas Hin- und Hergekurve im gleichen Ort, ich glaube es war Enfield, fanden wir eine noch geöffnete Werkstatt, wo man uns zu beruhigte. Seit in Autos immer mehr ‘ridiculous features’ eingebaut würden, hieß es, seien Fehlalarme an der Tagesordnung, insbesondere was den Reifendruck betreffe. Wenn uns der Tankstellenmann gesagt habe, der Reifendruck sei in Ordnung, sollten wir nichts auf die Warnung geben. Und so spielt es wohl auch keine Rolle, dass sich unsere vage Hoffnung, die Warnung würde nach einer einstündigen Einkaufspause in Galway verschwunden sein, nicht erfüllte.

Gegen sechs Uhr am Abend kamen wir in Tully Cross an, und natürlich erwähne ich jetzt nicht, dass wir beim Auspacken feststellten, dass ich beim Einpacken sowohl unser englisch-deutsches als auch unser englisch-irisches Wörterbuch vergessen hatte.

Was ich dann aber doch erwähne,

Renyle Thatched Cottages, © 2017 Hildegard Vogt-Kullmannist, dass das Cottage auf unseren Einzug vorbereitet und mit zwei neuen Sofas ausgestattet war, wenngleich etwas voluminöse, so dass um Raum für sie zu schaffen der Dresser und der Tisch einen anderen Platz bekommen hatten. Doch meinem Mädchen gefällt’s, wie ihr auch die neuen Bodenfliesen in der Küche gefallen, die von mir gar nicht wahrgenommen worden waren.

So war sie am Ende mit unserer Landlady versöhnt, über die sie sich im lezten Jahr arg aufgeregt hatte. Unseren persönlichen Kram vom Dachboden gehievt und das Cottage im Groben – morgen ist auch noch ein Tag – eingerichtet; dann ging es hinüber ins Paddy Coyne’s, um den ereignisreichen Tag mit Seeteufel, Lachs und Guinness ausklingen zu lassen.

Ein tolles Frühstück

bereitete mein Mädchen am gestrigen Sonntag, dann ging die Erfolgsgeschichte weiter, denn nach dem Studium des Displays des Bordcomputers des Autos (unser Fabia daheim hat so etwas nicht) gelang es ihr im Menü zu bestätigen, dass wir den Reifendruck gescheckt und für in Ordnung befunden hatten, worauf die nervige Warnung verschwand.

Es folgten ein paar Einkäufe bei Veldon’s in Letterfrack. Tom Mongan hat ein neues Buch geschrieben, doch läuft er uns dieses Mal nicht für ein Autogramm über den Weg. Ein Bummel um die Kreuzung; Rose’s Diamond Hair Studio gibt es noch, und was sieht da mien Deern: gerade stellt jemand an der Zufahrt zum Connemara West Centre ein Schild auf, das auf einen Flohmark hinweist.

Nichts wie hin! Man erwirbt eine Tortenplatte von Royal Worcester und eine Vase ‘Wild Tudor’ von Aynsley für zusammen dreizehn Euro. Die Royal Worcester Tortenplatte daheim mit einem etwas dezenterem Dekor hatte einst € 109 gekostet, und die soeben erstandene Vase wird man später bei Ebay für 56 Dollar entdecken. Für drei weitere Euro gesellt sich noch eine Bone China Teekanne hinzu. Beim Verlassen des Flohmarkts treffen wir am Kuchenstand die Postmeisterin von Letterfrack.

Musik im Anglers Rest, © 2017 Hildegard Vogt-KullmannAm Abend gibt es Musik im Angler’s Rest mit Kieran und einem Akkordeonspieler. Er wohnt ein Stück hinter Leenaun an der Straße nach Mám und hat seine Frau mitgebracht, die den Fahrdienst übernimmt. Sehr viel jünger als Kieran, der an die siebzig sein dürfte, ist er nicht, und seine Angetraute eine ausgesprochen liebenswerte, ‘typisch irische Mom’, wie wir sie vor einem Vierteljahrhundert bei unserem ersten schüchternen Betreten dieses Pubs bei einem ‘Damenkränzchen’ angetroffen hatten. Ganz anderes als Kierans girl friend, die auf ‘Frau von Welt’ macht, so wie man sie sich eine solche in den Outbacks vorstellt.

Später gesellt sich Frank mit seinem Banjo dazu und erzählt, dass er beschlossen hat musikalisch kürzer zu treten und nur noch alle zwei Wochen in Pubs auftritt. Bis er in zwei Jahren siebzig wird, will er noch in Kylemore als Fahrer des Touristenbusses arbeiten. Rose, die mit beider Tochter an der Bar sitzt, hat mit Mitte sechzig eine bemerkenswert faltenfreie Gesichtshaut, meint mien Deern.

Und heute

haben wir uns zu Fuß zum Renvyle Strand aufgemacht. Es ist windig und kühl. Wir sitzen bis zum Hals zugeknöpft auf einer flachen, aus dem Sand ragenden Felsplatte und ich habe in der letzten halben Stunde das zu Papier gebracht, was weiter oben zu lesen ist. Von den Einheimischen werden wir wahrscheinlich als Aliens angesehen, derweil sie selbst in luftigen Hemdchen und kurzen Hosen barfuß über den Strand und durch das Wasser laufen und es ganz normal für sie ist, wenn ihre Toddler* bei einer Lufttemperatur von geschätzt 15 °C durch Wasserlachen stapfen und sich in sie hineinsetzen.

* Wörtlich: Watschler, worunter man Kleinkinder versteht, die gerade erst das Laufen erlernt haben.

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Dienstag, 6. Juni 2017

WDudelsackspieler in Clifden, © 2017 Jürgen Kullmannir strolchen durch Clifden, lassen unser Monster-Auto beim Lidl – da sind die Parkplätze größer – stehen und kaufen, um dies zu rechtfertigen, ein paar Kleinigkeiten. Dann geht es über die Plazza des ehemaligen Bahnhofs ins Städtchen. Mien Deern erwirbt bei Hehir’s aus der Collection des gruselig-geisterhaften Fisches (Weird Fish) ein sogenanntes Sweat Shirt, die Übersetzung Schweißhemd scheint mir dafür nicht gebräuchlich zu sein. Anschließend wird bei Mannion’s geluncht. Die auf der Tafel vor dem Pub beworbenen Muscheln sind dem Koch ausgegangen, doch die Alternative Wolfsburger (Eileen Óg liest mit) findet mein Mädchen auch ganz lecker. Ich selbst habe es nicht so mit den Burgern, aber essbar ist er schon. Vor der Tür spielt ein Dudelsackspieler, bei dem wir uns mit einer kleinen Spende für das Foto bedanken.

Am späten Nachmittag sind wir wieder auf der Renvyle-Halbinsel und wandern im abendlichen Sommerlicht ein Stück des Weges Richtung Pebble Beach,Dudelsackspieler in Clifden, © 2017 Jürgen Kullmann aber nicht bis zum Wasser, denn Anne Jack will nach einer um 18 Uhr beginnenden Sitzung des Direktoriums von Renvyle West auf ein Glas Wein bei uns vorbeischauen. Das tut sie dann auch, wenngleich nur für eine halbe Minute aus dem Autofenster heraus, um uns mitzuteilen, dass sie eine sich daran anschließende Sitzung des Landfrauenvereins vergessen hatte.

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Mittwoch, 7. Juni 2017

A ‘soft’ day, etwas arg ‘soft’ mit etwas arg viel Regen. Dann also auf in den nächsten local craftshop, und den gibt es bei Kylemore Abbey. Zum ersten Mal seit dreißig Jahren ist auf dem regulären Parkplatz nichts mehr frei, doch wir werden auf einen weiteren, neu hinter dem Craftshop angelegten dirigiert. Auch der Car Park für Busse ist rappelvoll, mein Mädchen zählt um die vierzig. Sollte sich ihre Fracht in Schloss und Garten tummeln, wird man dort für seine dreizehn Euro außer Menschenmassen nicht viel zu sehen bekommen. Keinen Eintritt kostet der Zugang zum Laden, wo mien Deern für 35 Euro eine irische Kopfbedeckung erwirbt, ehe wir uns wieder von dannen machen.

Weiter geht es auf der N 59 Richtung Leenaun, doch biegen wir vor der Tullyconor Bridge auf die Küstenstraße nach Tully Cross ab, vorbei am Loch Fidh und Loch Muc. Ein Stopp am King’s Store von Lettergesh, dessen Inhaber, nachdem sich An Post aus seinem Lande verdrückt hat, die freigewordene Fläche in ein Café verwandelt hat. Die Mokkatorte ist ein bisschen zu süß, doch es ist nett und gemütlich hier und zum Lesen gibt es den Irish Independent.

Später bessern wir das Cottage aus, entfernen die Relikte einer abgebrochenen Ablage im Badezimmer sowie die eines Löschdeckenhalters in der Küche und füllen die zurückgebliebenen sowie ein halbes Dutzend weitere Löcher, in denen einst Dübel und Schrauben steckten, mit der in Veldon’s Hardwarshop erworbenen Zementpaste.

Am Abend wollte Anne Jack kommen, doch ihre Erscheinung bleibt aus. Also trinken wir den Wein alleine vor dem Kamin, derweil die Deern strickt und der ihr Angetraute ihr Kriminalgeschichten von Julien Symons vorliest.

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Donnerstag, 8. Juni 2017

Met Éireann hat bis in den Nachmittag hinein Dauerregen versprochen; also fahren wir nach Galway. Zwischen Uachtar Ard und Maigh Cuilinn öffnet der Himmel seine sprichwörtlichen Schleusen, doch als wir gegen halb eins auf den Parkplatz schräg gegenüber dem Lidl Markt fahren, ist es mit der Regenzeit vorbei.

Katie’s Cottage Galway, © 2017 Jürgen KullmannÜber Katie’s Cottage am Westrand der Stadt lugt die Sonne durch ein Wolkenloch. Verloren steht es mit seinem Reetdach inmitten gesichtsloser Siedlungshäuser, die nach dem Abriss des vor den Stadtmauern gelegenen Fischerdorfs Claddagh hier errichtet wurden. Schätzungen zufolge lebten in dem Dorf im frühen 19. Jahrhundert bis zu 820 Fischer mit rund 80 Booten. Während die Männer ihrem Handwerk auf dem Meer nachgingen, kümmerten sich die Frauen um den Haushalt und hatten das alleinige Recht, die Fische auf den Märkten der Stadt zu verkaufen. In den 1930-er Jahren beschlossen dann die Ratsherren von Galway, das Dorf wegen unhygienischer Zustände abzureißen und durch eine kommunale Wohnsiedlung zu ersetzen. Mit Katie’s Cottage wurde jetzt eines der ursprünglichen Cottages rekonstruiert, um der Nachwelt zu zeigen, wie die Menschen hier lebten, bevor der Abrisstrupp kam. Doch ganz so adrett wie dieser Nachbau werden die abgerissenen Cottages wohl nicht ausgesehen haben.

Wir werfen die empfohlene Spende von zwei Euro pro Person in die dafür aufgestellte Box und sehen uns um. Durch die Hintertür geht es wieder hinaus und in einen Craftshop mit Preisen jenseits von gut und böse. Auf der Flohmarkt der Letterfracker Tierfreunde hatte mien Deern vor einigen Tagen für fünf Euro eine original Royal Worcester Tortenplatte erworben, während hier über einem Stapel alter Vorlegeplatten unbekannter Herkunft ein Preis von 50 Euro pro Stück verzeichnet ist.

Später lunchen wir im Stadtmuseum und bummeln durch die Hauptstadt des Westens. Mein Mädchen wandert in diesen und jenen Laden und kommt aus dem ehemaligen Style Shop mit einem irischen Poncho im Aranlook wieder heraus. Die Zeit verrinnt, und gegen sechs Uhr machen wir uns auf den Heimweg nach Tully Cross.

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Freitag, 9. Juni 2017

Brief von Eileen Óg an Nis Puk

Moin Nis — Bei allen Pukken Nordfrieslands, da kommen deine Huuslüüd jetzt schon seit 25 Jahren in jedem Juni auf die Renvyle-Halbinsel und verlaufen sich immer noch! Jahr für Jahr machen sie die gleiche Wanderung über das Moor zwischen Tullycross und Letterfrack – und finden den Startpunkt an der Kylemore Road immer noch nicht! In diesem Jahr nicht, wie auch schon im letzten nicht.

Cú Chulainn, der Hund vom Koch vom Paddy Coyne’s, hatte sie (ungefragt) begleitet und erzählte mir heute Abend, es sei ihm arg komisch vorgekommen, dass sie auf jenen Trampelpfad abbogen, der rechts von einem alten Mauerpfosten ins Moor führt und auf einem kleinen Hügel endet. Das war ihnen, glaube ich, dem Hund gegenüber peinlich, und so holte die Deern ihre Reisemalsachen aus dem Rucksack setzte sich auf einen Stein und tat so, als sei sie eigens zum Malen hierher gekommen. Dass sie auf dabei einem Feenhügel saß, wusste sie allerdings nicht.

Danach, erzählte Cú Chulainn, hätte er ihnen den richtigen Weg übers Moor gezeigt. Auf halbem Wege an der Brücke über den Dawros River bedankten sie sich bei ihm dafür mit zwei Shortbreads. Lecker seien die gewesen, sagte Cú Chulainn, und so habe er ihnen dann auch noch den Hafen am Ballynakill Harbour gezeigt und sie über die westlichen Ausläufer des Bogs nach Tullycross zurückgeleitet.

Soweit der Bericht von Cú Chulainn. Hattet ihr gestern in Nordfriesland auch so einen heftigen Sturm? Dann hattest du bestimmt viel Arbeit damit, das Dach von uns Huus festzuhalten. In Irland scheint es keine Pukken zu geben, die sich um so etwas kümmern. Viele Dächer sehen arg verfranst aus, weil das Reet aus ihnen weggeflogen ist. Das Dach von unserem Cottage auch, aber immerhin ist es dicht, und das ist die Hauptsache. Ende Juli kommen wir nach Tönning zurück, und dann erzähle ich dir mehr. Viele Grüße bis dahin an dein Kleines Volk von

Eileen Óg und Jan Hinrich”

Ergänzung des Chronisten

Es war ein Hund ohne jegliche Lizenz zum Bellen, der uns heute begleitete, nicht einen Ton hatten wir in den drei Stunden unserer Wanderung von ihm gehört. Als von einer Hauszufahrt am Ballynakill Harbour ein anderer Hund zu uns herunterkläffte, umkreiste er uns schweigend, sah zu uns hoch und meinte: “Seht ihr, ich lasse mich nicht provozieren.”

Als wir ins Dorf zurückkamen, überholte uns ein Auto, stoppte, und aus dem Seitenfenster reckte sich der Kopf von seinem Boss, der schon eine Weile nach ihm gesucht hatte. “Das war’s dann”, meinte er (der Hund), die letzten paar Meter zu eurem Cottage werdet ihr auch ohne mich schaffen, sprang in den Wagen, und weg waren sie.

 
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*  *  *  Fortsetzung folgt  *  *  *

Weitere Reiseberichte


Reiseberichte Irland: Connemara 2017
© 2018 Jürgen Kullmann – Letzte Bearbeitung: 05.12.18