Irisches Tagebuch 2018

Shit happens!

 

Sonnabend, 26. Mai 2018

Brief von Eileen Óg an Nis Puk

Moin Nis — Nun sind wir im Cottage angekommen, deine Huuslüüd, Jan Hinrich und ich. Anders als im letzten Jahr ohne Reifenpanne, stattdessen aber mit ein paar Navigationsproblemen. Eigentlich sollte man annehmen, dass deine Huuslüüd den Weg nach Tully Cross nach so vielen Jahren im Schlaf finden, aber Menschen sind nun mal keine Schafe.

Eileen Óg und Jan Hinrich im Paddy Coynes, © 2017 Jürgen KullmannEs begann schon kurz hinter dem Flugplatz bei der Auffahrt zum Motorway M 50. Da konnten sie sich im Kreisel nicht entscheiden, was die ganz rechte und die weniger rechte Spur war, und schwupp, waren sie an der Auffahrt vorbei. Ich habe sie dann geschickt zurücknavigiert und auf die richtige Spur gebracht. Von der M 50 auf die M 6 nach Westen haben sie es alleine geschafft, sind dann aber sich über dies & das unterhaltend am Abzweig zur M 4 trantütig geradeaus weitergefahren und waren plötzlich auf dem Weg nach Sligo. Wenn ich mich nicht eingemischt hätte, wären wir dort womöglich auch gelandet! Nach meiner Intervention waren wir dann aber doch gegen vier Uhr in Galway, haben für 120 Euro bei Lidl eingekauft und fuhren gegen halb sieben hinterm Cottage vor.

Während deine Huuslüüd das Cottage einrichten, wollen Jan Hinrich und ich nicht stören. Auf weitere gute Ratschläge können sie verzichten, haben sie gesagt, also gehen wir zwei jetzt in den Pub gegenüber und schauen, ob es da schöne Musik und ein Guinness für Jan Hinrich gibt. Dort sitzen wir immer immer gerne unter der Uhr.

Tschüüs und alles Gute
Eileen Óg und Jan Hinrich”

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Sonntag, 27. Mai 2018

Das erste Frühstück im Cottage; es ist Sonntag und ein Sonnentag. Mit Zittern und Zagen fuhren wir gestern Abend in Tully Cross ein: wie mag das Cottage mit dem temporary roof zur Straßenseite wohl aussehen, nachdem ihm wie auch zwei anderen im Frühjahrssturm das Dach weggeflogen war? Nicht so schrecklich wie befürchtet, stellen wir fest. Es gibt andere Cottages im Lande, bei denen diese grauen Profilplatten ganz normal sind.

Die Thatched Cottages (auch wenn der thatch bei dreien auf der Vorderseite fehlt) haben einen neuen Supervisor. Sie heißt Anna Mortimer, wohnt nahe der Burgruine und hat den Job von Anne Jack übernommen, die die Häuser Jahrzehnte lang verwaltet hatte. Das alte Sprichwort, dass neue Besen gut kehren, scheint sich zu bewahrheiten: Zum ersten Mal sind bei unserer Ankunft die Fenster geputzt, der Toaster funktioniert, alle Wandlampen enthalten Leuchtmittel und es gibt eine funktionsfähige Leselampe sowie zwei Korbsessel, die man mit nach draußen nehmen kann. Dazu ist die Decke im Bad neu gestrichen und die Schraublöcher des ehemaligen Handtuchhalters in der Wand sind zugespachtelt *. Außerdem hat die Küche eine neue Arbeitsplatte – da sieht man schon mal darüber hinweg, dass sich das Wandregal links über dem Herd und die darunter hängenden Küchenutensilien arg greasy anfühlen. Wir werden sie nach dem Frühstück einer Reinigung unterziehen.

Wir hatten gerade unser private property vom Dachboden geholt und die Treppe (Stuhl – Tisch – Stuhl auf Tisch) wieder abgebaut, da erschien auch schon Anna, stellte sich als ‘the new Anne Jack’ und Supervisor der Cottages vor und fragte, ob alles in Ordnung sei. Die Sache mit dem fettigen Küchenregal und -utensilien, bei traditional irish cottages wohl eher ein Feature denn ein Mangel, war uns keine Erwähnung wert, wohl aber, dass wir vor der Tür keine Bank mit Tisch vorfanden. “No Problem”, meinte die neue Oberaufseherin ganz im Stil ihrer Vorgängerin, eure Nachbarn sind nur für ein paar Tage wegen einer Hochzeitsfeier hier und brauchen die ihre nicht. Schon ging’s hinüber zum Nachbarcottage, und wir trugen die dort stehende Bank vor das unsrige.

Da alles so gut geklappt hatte, überreichten wir ihr das mitgebrachte Präsent. Ob ihre Vorgängerin von dieser Sitte berichtet hatte? In einer spontanen Buchungsbestätigung, die es früher bestenfalls auf Anfrage gab, hatte sie eifrig betont, wie sehr sie sich freue, die langjährigen Mieter von No. 1 persönlich kennen zu lernen, und dass sie umgehend vorbeischauen würde, um ihnen ein welcome back zu wünschen.

* Eileen Óg mischt sich ein: Manche Menschen haben auch ein Gedächtnis wie ein Sieb! Sie sollten mal lesen, was sie im letzten Jahr am 7. Juni geschrieben haben! [zurück]

*  *  *

Shopping bei Veldon’s in Letterfrack – irgendetwas hat man beim Großeinkauf in Galway immer vergessen, und zudem merkt man bei manchen Dingen erst im Cottage, dass sie fehlen. Zum Einkauf gehört der Sunday Independent. Die Zeitung kennt heute nur ein Thema: Mit unerwartet überwältigender Mehrheit hatten zwei Drittel der Bevölkerung am Freitag dafür gestimmt, das absolute Verbot von Schwangerschaftsabbrüchen aus der Verfassung zu streichen, und den von ihnen ins Parlament gewählten Abgeordneten das Recht gegeben, diesbezüglich Gesetze zu verabschieden. Dabei sahen wir bei der Fahrt durch Irland an den Straßenrändern fast ausschließlich ‘VOTE NO’-Plakate von Gegnern der Verfassungsänderung. In den Medien ist eine Euphorie ausgebrochen, als habe man die Fesseln der Sklaverei abgeworfen und die Freiheit erlangt.

*  *  *

Zwei Stunden später. Wir sitzen vor dem Tankstellenladen von Tully und schlecken zur Feier des Tages ein Eis weg. Zur Feier des Tages, denn heute ist unser 31. Hochzeitstag. Dann wandern die Verliebten zum Renvyle Quay hinunter, links und rechts des Weges blüht der yellow furze. Das Frühjahr kam spät in diesem Jahr, in den vergangen war der Ginster längst verblüht, when we were setting our feet on the shores of Connemara, um den Titel eines Buches von Tim Robinson aufzugreifen, das wir im Laden haben stehen sehen. Links des Kais wurde in den letzten Jahren ein befestigter Weg zu einem kleinen Strand hinter ein paar nicht allzu hohen Felsen angelegt. Drei Kinder buddeln im Sand, während die Mutter sich auf einem Handtuch liegend sonnt und der Vater bis zur halben Kniehöhe im Wasser stehend ein Buch liest.

Wir steigen auf einen der niedrigen Felsen, nehmen das alles in uns auf und blicken übers Meer. Die Luft ist klar. Jenseits der Bucht ist in der Ferne der Croagh Patrick zu sehen, und doch dürfte man mit dem Auto mindestens zwei Stunden unterwegs sein, um seinen Fuß zu erreichen. Wahrscheinlich ginge es auf dem Wasserweg schneller, aber eine Fährverbindung über die Bucht nach Mayo gibt es nicht und gab es noch nie.

Wir klettern vom Felsen herunter und schlendern an dem einem Bollwerk gleichenden Anleger vorbei. Am Wegesrand aufgereiht die drei Lebensphasen eines Curraghs: ein neues, stark und kräftig, ein zweites im beginnenden Zerfall und dann die Reste von dem, was einmal eines war. Es folgt die rosa Farm, fotogen wie immer, das Seabreeze B & B, gepflegt wie immer und ohne dass dort (wie immer) eine Menschenseele zu sehen ist. Dann sind wir am Ortseingang von Tully und wandern am Rainbow House vorbei ins Dorf zurück.

*  *  *

Am Nachmittag ist im Rahmen der Letterfrack Bogweek Musik in Molly’s Bar angekündigt, und wie in jedem Jahr fragen wir uns auch in diesem, ob Sally, die Tochter jener legendären Molly, im vergangenen Vierteljahrhundert überhaupt älter geworden ist. Ihrem Sohn, der einst als Zehnjähriger die leeren Gläser von den Tischen räumte, sieht man die Jahre an, doch Sally erinnert uns an den ‘Mann, der nicht aus Friedrichstadt kam’. In dieser Erzählung von Joachim Wende tauchte in den Wirren der Nachkriegszeit in Friedrichstadt ein Mann unbekannter Herkunft auf, der in den Jahrzehnten danach nicht zu altern scheint.

Die Musik war für 17 Uhr angekündigt, doch um Viertel nach fünf starrt noch alles – die Musiker, die ihre Anlage bereits aufgebaut haben, inklusive – auf zwei Fernsehmonitore unter der Decke, auf denen ein Rugbyspiel zwischen den Grafschaften Galway und Kilkenny übertragen wird. Begleitet von der lautstarken Unterstützung des Publikums im Pub für Galway, versteht sich. Das währt bis etwa Viertel vor sechs. Auch wenn wir die seltsame Punktevergabe nicht verstehen, scheint Galway der Reaktion der Zuschauer zufolge auf der Siegerstraße zu sein. Am Ende heißt es 2 – 21 für Galway und 1 – 14 für Kilkenny, was auch immer diese Zahlen bedeuten mögen.

Und so beginnt kurz vor sechs tatsächlich die Musik. With Marcus Hernon flute, P. J. Hernon box and the very popular Matt Keane on guitar/vocal, wie es in der Ankündigung heißt, zu denen sich ein nicht angekündigter Bodhrán-Spieler gesellt. Zusammen sind sie wohl ein Vierteljahrtausend alt.

In Mollys Bar, © 2018 Hildegard Vogt-Kullmann

Im Laufe des Abends taucht dann noch Phil Coyne auf, packt seine Flöte aus und lässt sich am Ende zu einem Lied überreden:

O, Father dear, I often hear you speak of Erin’s Isle,
Her lofty scenes her valleys green, her mountains rude and wild.
You said it is a lovely place wherein a prince might dwell,
Why have you then forsaken her, the reason to me tell?

Und so singt er darüber, wie die Kartoffelfäule kam, die Menschen von Haus und Hof vertrieben wurden und nach Amerika auswanderten.

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Montag, 28. Mai 2018

Thugarmar féin an t-samradh linn, wir brachten den Sommer mit nach Irland, wie es in einem alten Lied heißt, und lustwandeln jetzt in der Sonne durch Clifden. Soeben haben wir zwei Haken erstanden, auf dass man im Cottage neben dem Waschbecken demnächst Handtücher aufhängen kann. Wir vermissen solche Haken zwar erst seit einem Vierteljahrhundert, doch irgendwann muss man die Sache ja mal angehen.

Was gibt es Neues aus der Hauptstadt Connemaras? Nicht viel, nur dass Derryl Joyce, der hübsche handtuchschmale Laden (Postkarten und Bücher, auch in irischer Sprache) nicht mehr existiert. Der mit der netten, nicht mehr ganz so jungen irischen Country Lady an der Kasse, die der Liebsten vor Jahren mal ein Plakat aus ihrem Schaufenster überlassen hatte, auf dem sie als Gewinnerin von fünfundsiebzig irischen Pfund bei der Clifden Weekly Lottery aufgeführt worden war.

Wir haben noch einen Auftragseinkauf zu erledigen, eine tin whistle für meinen Bruder. Leider hat er uns keine Tonlage genannt, doch der Ladeninhaber meint, ‘D’ sei das Übliche, zu 90 % werde ‘D’ gekauft. Heute Abend werde ich beim Hineinblasen daran zweifeln, dass seine defekte alte Flöte eine ‘D’ war, doch weiß ich das jetzt noch nicht.

Rolls Royce in Clifden, © 2018 Jürgen KullmannClifden in the rare old times, sind wir in einer Zeitschleife in die 1950er und 1960er Jahre gerutscht? Nein, es ist wohl nur ein Oldtimerclub auf der Durchreise, der seine Vehikel entlang der Market Street geparkt hat. Wir stehen vor einem blitzenden Rolls Royce. Ob es davon mehr als einen in Irland gibt, oder ist es derselbe, den wir vor zwei Jahren vor Coyne’s First Pub Into Connemara an der Grenze zu Mayo fotografiert hatten? Ich werde mir daheim mal die alten Fotos ansehen.

*  *  *

“Back in town?” fragt die Postfrau, als ich die ersten zwanzig Briefmarken der Saison erstehe. “Back in town!” “Nutzt sie oder verliert sie”, meinte kürzlich der Minister für Kommunikation bezüglich der Überlebenschancen der kleinen ländlichen Postämter. Was das Überleben der Poststelle von Letterfrack betrifft, tun wir seit Jahren unser Bestes, und doch nutzt diese das mit jährlichen Portoerhöhungen schamlos aus. Man sollte aber nicht vergessen, dass die Post auch noch andere Funktionen hat. In Pooh’s Corner berichtet Harry Rowohlt, wie er einmal auf der Suche nach einer Information an die Tür eines irischen Pfarrhauses klopfte:

“Die schmucke Haushälterin öffnet mir und sagt, Hochwürden würde nicht vor spätabends zurückerwartet. Ich fragte: ‘Gibt es denn hier niemanden, der alles weiß?’ ‘Menschen, die alles wissen’, sagt sie fröhlich, ‘gibt es gottlob nicht. Außer auf der Post.’”

Doch nun wollen wir den ersten Brief nach Deutschland auf den Weg bringen:

Tully Cross, 28. Mai 2018

Hallo Friedbert –

etwas verspätet unsere Glückwünsche zu deinem Geburtstag. Wir sind am 26. des Monats hier (in Irland) angekommen und waren vorher etwas im Stress. Nun sind wir zur Ruhe gekommen, haben uns erholt und festgestellt, dass wir deinen Geburtstag vergessen haben – und beinahe auch noch unseren Hochzeitstag! Den Hochzeitstag haben wir dann mit zwei Eis am Stiel vor der Tankstelle von Tully gefeiert, so kann’s kommen.

Das Wetter ist in dieser Woche traumhaft, also ist Wandern, die Landschaft genießen und vorsätzlich am Strand herumlungern angesagt. In der nächsten Woche fahren wir für ein paar Tage auf die Araninseln in der Galway Bay. Viele Grüße, und genießt den Sommer und das Leben. Es ist schön!

Hildegard

Dann machen wir doch gleich mit dem Vorsätzlich-am-Strand-Herumlungern weiter. Es ist Viertel nach sieben, als wir unsere Füße auf den Renvylestrand setzen. Die Flut ist hoch aufgelaufen, und zwei oder drei Familien mit Kindern tummeln sich noch am und im Wasser. Ein kleines Mädchen versucht, das Meer in ein selbst gebuddeltes Loch abzuleiten, doch es will ihr nicht so recht gelingen.

Renvyle Beach, © 2018 Jürgen Kullmann

Wir schlendern die Wasserkante entlang zu den Felsen, die den Strand im Osten begrenzen, finden dort einen Sitzplatz und blicken über das sich im Gegenlicht zurückziehende, glänzenden Sand hinterlassende Meer in die Wolken, die sich langsam auflösen. Gegen halb neun, der Strand ist nun menschenleer, machen wir uns auf den Heimweg.

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Dienstag, 29. Mai 2018

Nach dem Frühstück, es fand heute etwas später statt, und ein wenig Herumtrödeln machen wir uns zu einer Wanderung übers Moor auf. Links an der Kirche vorbei geht es die schmale Straße nach Kylemore hinunter, zur Zeit nicht durchgängig befahrbar, da auf halbem Weg die Brücke über den Dawros River zusammengebrochen ist. Doch so weit wollen wir nicht, denn noch vor der Brücke zweigt irgendwo rechterhand ein Weg ab, der quer übers Moor zur Straße von Letterfrack nach Tully Cross führt.

Der erste Abzweig ins Moor ist es nicht, daran erinnern wir uns, nehmen also den zweiten. Die Zweifel, ob wir richtig sind, wachsen von Meter zu Meter. “Den Zaun dahinten, den gab es doch nicht — oder?!” Verunsichert wandern wir zurück zur Straße und diese ein weiteres Stück gen Kylemore. Wir finden jedoch keine weiteren Moorpfade, und als wir vor der gesperrten Brücke stehen, schwant uns, dass der zuvor eingeschlagene Weg doch der richtige gewesen war.

Er war es, in der Tat; ob es aber eine gute Idee war, am “bislang heißesten Tag des Jahres” (Irish Independent) übers baumlose Moor zu wandern, ist eine andere Frage:

“O schaurig ist’s, übers Moor zu gehn
Wenn die Mittagssonne am Himmel tut stehn …”,

begann nicht so oder so ähnlich ein Gedicht einer deutschen Dichterin? Wir machen Pause auf einem Feenhügel mit Blick auf den Tully Mountain, derweil mien Deern einen Ginsterstrauch skizziert und ich etwas in dieses Tagebuch schreibe. Hundert Meter weiter an einem Torfabstich schließt sich uns ein schön geformter Torfsoden an, der gerne nach Nordfriesland reisen möchte.

Renvyle Bog, © 2018 Jürgen Vogt-Kullmann

*   *   *

Der Abend verspricht so schön wie der gestrige zu werden. Wir fahren zum Glassilaun-Strand. Die Flut hat ihren Höchststand erreicht, und von der sonst so weiten Sandfläche ist nur ein schmaler Streifen zwischen dem Hang und der Killary Bay geblieben. Viele Autos drängen sich auf dem kleinen Stellplatz, doch unten am Wasser verläuft sich alles. Eine Großfamilie barbecued mit ihren Kindern, und die Lütten wagen sich ins – mien Deern testet es mit dem Fuß – eiskalte Nass.

Weit im Westen ragen unter der sinkenden Sonne Felsbrocken und ein Inselchen aus dem Wasser, die bei Ebbe trockenen Fußes erreichbar sind. Wir aber werden schon viel früher gestoppt, denn ein von den Hügeln kommender inlet stream, der bei Niedrigwasser als schmales, den Strand teilendes Rinnsal problemlos überschritten werden kann, ist heute Abend nur ohne Schuhwerk und in kurzen Hosen zu durchqueren.

So suchen wir uns auf einem aus dem Sand ragenden Stein einen Sitzplatz, beobachten die auflaufenden Wellen mit ihren Schaumkronen, die sinkende Sonne und die Wolken über den Maol Réidh jenseits der Bucht und geben Strandläufern mit hochgekrempelten Hosenbeinen Tipps, wo die Fuhrt durch den Bach am flachsten ist – nämlich nach rechts zur Wasserkante hin, da wo die Wellen auf den Sand aufschlagen, und nicht, wie es die meisten vermuten, hügelaufwärts den Hang hoch.

Glassilaun Beach, © 2018 Jürgen Kullmann

Gegen halb neun machen wir uns auf den Heimweg. Die Familien mit ihren Kindern sind verschwunden, und die Verliebten haben den Strand für sich. Doch verliebt oder nicht, wir haben Hunger, stellen uns ein Platte mit crab salad und Lachs zusammen und setzen uns nach draußen vors Cottage.

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Mittwoch, 30. Mai 2018

Wieder einmal hat der Wetterdienst den (bislang) wärmsten Tag des Jahres angekündigt. Nach dem Frühstück heißt es Aufräumen (das Geschirr von gestern Abend stand noch in der Küche), dann wird die Zeitung durchgeblättert und das Auto aufgetankt. Gegen Mittag steigen wir noch einmal zum Glassilaun-Strand hinunter, der sich nun in voller Breite zeigt. Der gestern Abend unüberwindbare inlet stream hat sich verflüchtigt, ist nur noch als feuchte Spur im Sand auszumachen, und die Insel am Westend trockenen Fußes erreichbar.

Mein Mädchen wagt sich ins Nass, doch ist selbiges abgesehen von einigen flachen Stellen mit wenig Wasseraustausch ausgesprochen kalt. Ich wandere zur Insel hinüber und fotografiere ein paar Steinformationen. Am frühen Nachmittag hat sich die Insel wieder vom Land gelöst und Wolken ziehen vom Meer kommend übers Land. Wir ziehen mit.

Glassilaun Beach, © 2018 Jürgen Kullmann

Am frühen Abend sitzen wir bei einem Glas Wein vor dem Cottage. Die Straße ist zugeparkt, auch auf dem Kirchplatz ist nichts mehr frei. Was ist hier los? Anne Jack steigt aus einem Auto, in der Hand eine große Plastiktüte mit zwischen Eiswürfeln liegenden Fischen. Der Freund ihrer Tochter habe geangelt, erzählt sie, Black Sole und Monkfish, und nun sei es ihre Aufgabe, den Fang loszuwerden. Sie würde ihn gerne bei uns deponieren, um ihn nicht mit zur Totenwache für eine 93-jährige Frau nehmen zu müssen, die gestern Abend ein paar Häuser weiter auf der anderen Straßenseite gestorben sei. Wir könnten uns von den Fischen nehmen, was und so viel wir wollen.

Der Fang ist sogar schon ausgenommen! Wir fischen drei Black Sole und einen Monkfish Tail aus der Tüte und frieren sie erst einmal ein. Eine Stunde später ist Anne Jack von der Totenwache zurück und holt sich den Rest zwecks weiterer Verteilung ab. Wir werden ihr morgen eine Flasche Wein vor die Tür stellen.

Noch etwas später schlendert die cleaning lady der Cottages vorbei, die gleichfalls auf der Totenwache war. Das angebotene Glas Wein lehnt sie (für heute) ab, lässt es sich aber nicht nehmen, die prominentesten Todesfälle des letzten Vierteljahrhunderts noch einmal Revue passieren zu lassen: Patrick Sammons Frau von gegenüber, die noch keine fünfzig war, Brian Coynes Frau, auch nicht viel älter, unseren Fiddler Johnnie, der immerhin 86 Jahre alt wurde, Charlie O’Malley, dem Mann mit der Squeeze Box, und die beiden jungen Leute, die bei dem aus Übermut verursachten tragischen Autounfall von Tully ihr Leben verloren hatten. Einer der beiden war ihr Neffe, erfahren wir heute.

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Freitag, 1. Juni 2018

Brief aus unserem Cottage in Tullycross

Liebe Gisela — Wir sind seit fast einer Woche in Irland und ich finde erst jetzt Zeit, dir meinen traditional letter from home zu schreiben. Die Zeit vergeht wie im Flug, das Cottage ist im Großen & Ganzen wie immer – abgesehen davon, dass dieses Mal die Fenster geputzt waren und alle Lampen und der Toaster funktionierten. Außerdem standen keine angebrochenen, schmierigen Ölflaschen in der Küche, und die Schränke waren aufgeräumt. Auch Teebeutel und eine neue (!) Dose Nescafé von Aldi fanden sich im Schrank, dazu standen Blumen und eine Packung arg süßen Gebäcks auf dem Tisch. Entweder hatte im letzten Jahr die Abschiedsflasche Wein für die Putzfrau gewirkt oder die neue Supervisorin will alles besonders gut machen. Für irische Verhältnisse, versteht sich, denn das Regal seitlich über dem Ofen und alles was darunter hing war klebrig und fettig wie immer. Das haben wir dann erst einmal gründlich geschrubbt! Etwas muffig roch es aus dem Küchenabfluss, das hat sich dann nach einer Waschmaschinenladung und zwei Tagen Geschirrspülen gegeben.

Bislang hatten wir ein Traumwetter mit Temperaturen von bis zu 20 °C und fast nur Sonne. Wir verbrachten viel Zeit an unseren beiden Stränden, zum Wandern war es meist zu warm. Gestern waren wir in Westport, haben aber außer drei Gläser Mintsauce (ohne fiese Farb- und Zusatzstoffe) nichts gekauft. Vor einem Café an der Bridge Street – ich glaube, in dem waren wir in der guten alten Zeit auch schon mal mit dir – haben wir einen Rhabarber Crumble genossen und drei jungen Leuten gelauscht, die mit Fiddle, Banjo und Bodhrán auf einer Bank am Straßenrand Musik gemacht haben. Vermutlich Schüler.

Straßenmusik in Westport, © 2018 Jürgen Kullmann

Toll, dass es noch jungen musizierenden Nachwuchs gibt, denn Frank und Kieran haben wir bislang nicht gesichtet. Frank hatte letztes Jahr angekündigt, mit der Musik pausieren zu wollen, bis er mit siebzig in Rente geht. Bis jetzt hat die Umsetzung seines Plans offensichtlich und leider geklappt: keine Musik am Sonntagabend im Angler’s Rest, und auch sonst ist nichts von ihnen zu sehen!

Gut, dass wir passend zur Letterfrack Bogweek angereist sind, denn so konnten wir einen netten frühen Sonntagabend in Molly’s Bar mit den drei Hernons und einem ihrer Cousins verbringen. Das volle Programm mit Gitarre und Gesang, Squeeze Box, Bodhrán und Quer- und Lang-Flöte. Sie kommen aus Corr na Mona, es war sehr schön. Phil Coyne im Publikum musste dann auch noch ran und zwei Lieder singen, aber keines war so schön, wie in den alten Zeiten sein Skibbereen. Zum Abschluss spielte er dann auch noch auf seiner Flöte.

Da ich nicht gleich mit Guinness beginnen wollte, hatte ich mir ein Mineralwasser mit Eis bestellt, das – da war wohl etwas missverstanden worden – als ein Pint Leitungswasser mit Eis daherkam. Es kostete aber auch nur fünfzig Cent, und die Irin neben mir trank das gleiche.

Am Sonnabend werden wir ein Konzert in der Gothic Church von Kylemore Castle besuchen, die Karten habe ich im Internet geordert. Harfe, Pipes und ein Séan-nos-Sänger sind angekündigt, anschließend können wir –Kondition vorausgesetzt – den Tag ab 22 Uhr in Molly’s Bar ausklingen lassen, wo ein gewisser Cannon Keane sein neues Album Around Doonmore ‘launchen’ will.

Heute war es diesig und der Himmel den ganzen Tag über bedeckt. Kein Wetter für Bergwanderungen, denn da man von unten man keine Berge sieht, dürfte die Sicht von oben auch nicht besser gewesen sein. Gegen Mittag sind wir nach Clifden gefahren, haben ein paar Sachen für die nächsten Abendessen besorgt. Oberhalb der Tankstelle gibt es einen versteckt gelegenen kleinen Friedhof; dort haben wir zum Abschluss des Ausflugs auf der Kante einer Grabeinfassung sitzend ein Eis gegessen.

Clifden ist wie immer, wirklich viel hat sich in den letzten zwölf Monaten nicht getan. Mal vermisst man einen bestimmten Shop, dafür gibt es an anderer Stelle einen anderen. Das alte SuperValu-Gebäude steht viele Jahre nach dem Umzug immer noch leer und die Fassade gammelt weiter vor sich hin. Die Fassade des Avoca-Ladens bei Letterfrack hingegen, wir hatten ihm auf dem Weg nach Clifden einen Besuch abgestattet, wird jedes Jahr neu gestrichen und ist nun bald mit allen Farben durch.

Paddy Coyne’s in Tullycross brummt! Das Restaurant im hinteren Bereich ist selbst mitten in der Woche gut besucht und ‘St. Anne’s’ oft rappelvoll. Einst hatten wir dort bei einem Pint Guinness manch einen netten, ruhigen Abend mit Stricken, Schreiben und Lesen verbracht. Ob diese alten Zeiten noch einmal wiederkommen? Heute hocken dort meist auf einen Platz im Restaurant wartende Gäste.

Vorgestern Abend haben wir von Anne Jack drei Seezungen und einen Seeteufelschwanz geschenkt gekriegt. Die Seezungen gibt es heute zu Kartoffelsalat, um dessen Zubereitung wir uns nun so langsam kümmern müssen. Tschüüs denn also von

Hildegard und Jürgen”

Der Chronist fährt fort

Nach dem Dinner wandern wir über die Straße ins Paddy Coyne’s. Dort hängt seit heute Nachmittag ein Schild Music tonight über der Tür, von uns so interpretiert, dass es in der Theorie ab zehn Uhr und in der Praxis ab halb elf Musik gibt. Zwei junge Leute, der eine mit einem Knopfakkordeon und der andere mit einer Gitarre, spielen bereits, als wir kurz vor zehn in den hinteren Raum kommen, der bis neun als Restaurant genutzt wird. Ohne Verstärker und Lautsprecher, das ist doch mal etwas anderes!

Wir strahlen, ich hole zwei Guinness, € 4,20 kostet in diesem Jahr das Pint, und hocken uns an ein Tischchen ihnen schräg gegenüber. Ein Schluck black stuff, zurücklehnen und zuhören, herrlich! Die Finger des Squeeze-Box-Spielers huschen in einem Wahnsinnstempo über die Knöpfe, das Stück klingt aus, Beifall erschallt — und sie packen ihre Instrumente ein und machen sich von dannen. ‘Music tonight’ hieß heute nicht Musik ab zehn, sondern Musik bis zehn!

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Sonnabend, 2. Juni 2018

MAm Derryinver Quay, © 2018 Jürgen Kullmannixed weather, ein bisschen Nieselregen und dazwischen eine etwas längere trockene Phase. Wir wandern über das Moor zum Ballynakill Harbour hinunter. Der Tully Mountain liegt im Dunst. Wenn wir einen Grund suchen, ihn nicht zu besteigen – es ist wohl 15 Jahre her, dass wir zuletzt auf seiner Kuppe standen –, haben wir ihn heute. Ein rotes Fischerboot kommt in Bucht und macht am Derryinver Quay fest, der in seiner üblichen Schmuddeligkeit und Unaufgeräumtheit nur wenig Flair hat.

Vor uns auf der Wiese liegt ein altes Ruderboot mit durchlöchertem Boden aber trockener Sitzbank. Mien Deern setzt sich hinein und packt ihre Zeichenstifte aus – alles, was nicht pittoresk, ist, kann man weglassen. Das gilt auch fürs Fotografieren, wenn man einen hinreichend schmalen Ausschnitt wählt.

Abends um zehn, und dieses Mal wirklich um zehn, ist bei Patrick Sammon im Angler’s Rest Musik angesagt. Zwei Herren in der zweiten Lebenshälfte, der eine abwechselnd mit Gitarre und Banjo und der andere mit Bassgitarre und Knopfakkordeon, machen ihre Sache eigentlich ganz gut, doch der Lärm im Pub ist ohrenbetäubend. Außer uns und drei weiteren um die Musiker sich scharende Pubnasen sowie einer altbekannten, mitunter laut mitsingenden (um nicht mitkreischen zu sagen) lokalen Trinkerin scheint sich niemand für die Musik zu interessieren. Da können sie noch so gut Spancil Hill und Don’t give up till it’s over singen. Wir geben es dann aber doch auf, denn so macht das einfach keinen Spaß. Nach einem Guinness wandern wir über die Straße ins Cottage zurück und machen unsere eigene Musik. Schließlich habe ich meine Mundharmonika dabei.

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Sonntag, 3. Juni 2018

Der Besuch des Charity-Flohmarkts zugunsten ausgesetzter und wieder eingesammelter Hunde & Katzen, der alljährlich am ersten Junisonntag im Letterfracker Connemara West Centre stattfindet, war nicht ganz so erfolgreich wie im vergangenen Jahr, doch ein paar Kleinigkeiten fürs Cottage fanden wir dann doch. Bei unserer Rückkehr kurz nach elf ist die Straße bis auf eine schmale Gasse beidseitig zugeparkt, der Kirchplatz auch rappelvoll. Mit Glück finden wir hinter dem Cottage noch einen Platz für unser Auto.

Die 11-Uhr-Sonntagsmesse ist zugleich die Beerdigungsmesse für eine am Dienstagabend im Alter von 93 Jahren verstorbene Frau. Nicht alle Trauernden haben in der Kirche einen Platz gefunden, und so wird die Messe über einen Lautsprecher nach draußen übertragen. Wir sitzen fünfzig Meter von der Kirchtür entfernt vor dem Cottage und lauschen der Begrüßung der Gemeinde, der Predigt und der Musik, die recht wenig mit deutscher Kirchenmusik, insbesondere bei Beerdigungen, gemein hat. Zu Amazing Grace und The Fields of Athenry wird der Sarg aus der Kirche getragen – es ist das gleiche Lied, mit dem die irischen Fans auch ihre Fußballnationalmannschaft ‘beerdigen’, wenn sie mal wieder ein internationales Spiel verloren hat.

Omey Island, © 2018 Jürgen KullmannWährend der motorisierte Trauerzug mit Noels schwarz glänzendem Leichenwagen vornweg im Schritttempo zum Friedhof von Mullaghgloss rollt, fahren wir nach An Claddach Dubh, stellen das Auto vor der dortigen Kirche ab und wandern durchs Watt nach Omey Island hinüber. Wir sind nicht die einzigen, vielleicht liegt’s am Holiday Weekend. Unterhalb des Eingangs zum Dünenfriedhof spricht uns auf Deutsch ein holländisches Paar mit erwachsener Tochter an, die älteren Herrschaften wohl in den Siebzigern und er am Stock durchs Watt gehumpelt. Seiner Tochter erklärt er die Zusammensetzung der gälischen Namen auf den Grabsteinen und uns, dass seine Vorfahren aus Schottland kommen und er selbst den schottischen Dudelsack spielt. Doch die Iren und ihre Musik seien ihm sympathischer. Auch müsse man nicht die ganze Welt bereisen; wenn man seine ‘special places’ habe, mit seinen Mitmenschen gelassen umgehe und alles in sich aufnehme, habe man am Ende seines Lebens intensivere Erfahrungen gemacht und mehr von ihr mitbekommen.

Da noch etwas Zeit ist, bis die Flut kommt, wandern wir ein Stück die einzige Straße des Eilands hoch. Eine Ruine links unterhalb von ihr hat es uns angetan. Mien Deern packt ihren Skizzenblock aus und ich hole die Kamera aus dem Rucksack.

*  *  *

Wie kommt man nach Toresschluss zum Fotografieren auf das Gelände von Kylemore Abbey, und das auch noch kostenlos? Indem man, wenn am Abend ein Konzert in der Gothic Church stattfindet, dem Mann am Eingang zum Parkplatz “To the concert” sagt.

Kylemore Abbey, Gothic Church, © 2018 Jürgen KullmannFotos machen wir zwar auch, gehen aber auch ins Konzert: Eine Sängerin, eine Harfenistin und ein Mann, der sich auf diverse Flöten und die Uilleann Pipes, den irischen Dudelsack, spezialisiert hat, dessen Funktion er ausführlich erklärt und uns die Unterschiede dieses feinsinnigen Instruments zum schottischen vor Augen führt. Gestenreich zeigt er, wie man gut koordiniert sowohl Hände als auch Arme benötigt, um das Instrument fachgerecht zum Klingen zu bringen. Man müsse sich einfach nur vorstellen, das Instrument sei eine Frau, wirft die Harfenistin ein. Ein schottischer Dudelsack hingegen, fährt der Meister seines Fachs fort, sei nur geeignet um Lärm zu machen, in den Krieg zu ziehen und seine Feinde zu erschrecken.

Ein ‘echtes’ Konzert, bei dem die Menschen anders als in den Pubs zuhören und schweigen und schon ein Hüsteln fehl am Platz wirkt, eine sanfte Musik ohne Verstärker und Lautsprecher zu einer Stimme in ausschließlich irischer Sprache. Thugamar féin an t-samradh linn, wir brachten den Sommer mit, spielen sie zum Schluss. Hoffentlich bleibt er ein paar Tage, denn morgen fahren wir nach Inis Mór.

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Reiseberichte Irland: Connemara 2018
© 2019 Jürgen Kullmann – Letzte Bearbeitung: 03.10.19