Irisches Tagebuch 2019

Eine neue Chance für die Insel

 

Sonnabend, 1. Juni 2019

EAnkündigung vor Veldons Pub, © 2019 Jürgen Kullmannigentlich dürfte ich unter dem obigen Datum heute nichts zu Papier bringen, denn einen 1. Juni gibt es in Irland nicht, wie vor einigen Tagen das Plakat neben der Tür zu Veldon‘s Pub gezeigt hatte, laut dem auf den 31. Mai der 2. Juni folgt. Womöglich ist durch den Einfluss der Elfen etwas mit der Zeit durcheinander geraten und wir sind in die keltische Zwischenwelt Áit Eile gerutscht.

Unser Ziel ist Rosmuc im Südwesten Connemaras. Die Fahrt über Leenaun und Mám dauert etwas länger als die durchs Inagh Valley, doch wir wollten mal etwas anderes sehen. Die Straße windet sich durch ein weites Tal mit den Maamturk Mountains rechterhand – ein Fußweg führt über sie hinweg ins Inagh Valley – und linkerhand den Partry Mountains, hinter denen sich der Lough Mask verbirgt. Als Joyces’ Country ist die Region bekannt, benannt nach einem anglo-normannischen Clan, der hier einst herrschte. Ob ihm auch der James aus Dublin entsprungen ist, vermag ich nicht zu sagen. Mit dem irischen Westen hatte der Dubliner nicht viel am Hut, und von seinem einzigen bekannten Ausflug ins ländliche Connemara gibt es keinen Bericht.

In Mám statten wir dem lokalen Hardware & Food Shop einen Besuch ab. Sprühdosen mit Farbe zum Markieren von Schafen können wir hier kaufen, doch unser Reise- und Navigationsschaf Eileen Óg hält nichts davon. So bleibt es bei der Zeitung … und einer Packung Porter Cake. Zu Beginn des Jahrhunderts gab es diesen ‘Guinnesskuchen’ in jedem Laden, doch dann verschwand er aus Regalen. Hier kennt man ihn noch. In Áit Eile, im hintersten Winkel Connemaras, gehen die Uhren anders.

Wir verlassen das eiszeitliche Tal. Wo die Straße an seinem Ausgang die N 59 von Galway nach Clifden kreuzt, liegt Maam Cross. Der gälische Name lautet An Teach Dóite, das abgebrannte Haus, denn einst ging hier eine Postkutschenstation in Flammen auf. Heute findet hier verbunden mit einer Viehauktion der Samstagsmarkt statt. In der Halle rattert der Auktionator etwas herunter, von dem wir außer ein paar Zahlen kein Wort verstehen. Der Markt besteht nur aus wenigen Ständen, doch in Keogh’s Craftshop gleich nebenan erwirbt mien Deern für 109 Euro ein Schultertuch für ihre Mutter, die in sechs Wochen neunzig Jahre alt wird.

Weiter geht es über die Kreuzung nach Rosmuc. Vor mehr als einem Vierteljahrhundert hatte wir Pearse’s Cottage besucht, romantisch gelegen am Hang oberhalb der Straße mit Blick auf den See Turlough. Wäre Pádraig Pearse nicht auf die Idee verfallen, am Ostermontag des Jahres 1916 vor dem Dubliner Hauptpostamt die Abspaltung Irlands vom Vereinigten Königreich zu proklamieren, wäre ihm zwar ein längeres Leben beschieden gewesen, doch würde den Dorfschullehrer und mittelmäßigen Poeten heute kein Mensch mehr kennen und kaum jemand von dem Cottage Notiz nehmen. So aber überrascht uns unterhalb seines Sommerhäuschens ein kürzlich eingeweihtes ‘Interpretive Centre’, in das es geschätzt fünfmal passt. Will man auf dem ausgeschilderten Weg zum Cottage hoch, muss man durch das Besucherzentrum und fünf Euro pro Person berappen; für den Zutritt zu zwei kleinen Kammern, in die wir schon vor einem Vierteljahrhundert unseren Blick geworfen hatten, ist uns das zuviel.

Allerdings fehlt mir noch ein Foto von dem Cottage. So steigen wir einen mit Only local access (mit unserem Englisch ist es nicht weit her) beschilderten Weg seitab des Museumsgeländes den Hang hoch, bis ich es zweihundert Meter oberhalb von uns vor die Linse bekomme. Die Sonne hat sich rar gemacht, der Himmel ist grau und Warten angesagt. Als dann ein paar schüchterne Sonnenstrahlen durch ein Wolkenloch dringen, drücke ich auf den Auslöser.

Pearse‘s Cottage, © 2019 Jürgen Kullmann

Etwa hundert Meter voraus steigen zwei Wanderer einen steinigen Trampelpfad zum Cottage hoch. Wir zögern einen Moment, doch mit dem heavy metal vom vergangenen Jahr im linken Fuß ist das nichts för mien Deern. Wir gehen zum Auto zurück.

* * *

Laut einer Ankündigung im What’s On, dem alle zwei Wochen in Clifden erscheinenden Veranstaltungsverzeichnis, sollen am 1. Juni in Rosmuc Galway Hooker zu einer Regatta auslaufen. Die vor mehr als 200 Jahren entwickelten traditionellen Segelboote bestehen aus einem Mast mit einem Haupt- und zwei Vorsegeln, das Boot schwarz und die Segel braun. Es gibt sie in vier Klassen:

–  Bád Mór (großes Boot), 10,70 bis 13,50 Meter lang.

–  Leath Bhád (halbes Boot), zirka 10 Meter lang, oft eingesetzt, um Torf auf die Aran Inseln und in den Burren zu bringen.

–  Gleoiteog (hübsches Ding), zwischen 7,5 und 9 Meter lang, verwendet zum Fischen und Transport von Lasten.

–  Púcán (offenes Boot), etwas so groß wie ein Gleoiteog, jedoch mit nur einem Vorsegel.

Die Straße, die gemäß unserer Karte zum Anleger führen soll, will kein Ende nehmen und endet im Nirwana, ohne dass einer in Sicht kommt. Da sehen wir von einer Erhebung aus in der Ferne braune Segel auf dem Wasser, haben aber keine Ahnung, wo um alles in der Welt das sein könnte und wie man dorthin gelangt. Dann kommt die Erleuchtung: Die Boote sollen laut Ankündigung am ersten Juni, segeln doch fällt ja (siehe oben) der erste Juni in diesem Jahr aus und der Sonnabend somit auf den 2. Juni. Eine Zeitverschiebung in die irische Anderswelt, in die kein Weg aus Asphalt führt.

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sheep

Sonntag, 2. Juni 2019

An jedem ersten Sonntag im Juni findet in Letterfrack ein Flohmarkt zugunsten der Retter ausgesetzter Hunde und Katzen statt. Der Regen der letzten Tage hat eine Pause eingelegt. Es ist kälter geworden und der Wind hat stark aufgefrischt, als wir fröstelnd vor der noch verschlossenen Tür stehen. Wir sind nicht die ersten. Punkt zehn Uhr schließt jemand auf. Die Anordnung der Stände in der Ellis Hall, die eher ein mittelgroßer Saal ist, hat sich in all den Jahren nie geändert: beim Hereinkommen passiert man rechterhand ein kleines Kuchenbüffet gefolgt von Tischen mit Büchern; weiter hinten am Ende des Raums findet sich um die Ecke herum besseres Porzellan, in der ihr gegenüberliegenden Ecke Spielzeug, und dann geht es mit Haushalts-, Küchen-, Einrichtungs- und Dekorations-Krimskram auf der anderen Seite zurück, bis man auf seinem Rundgang bei den Ständen mit Secondhand-Kleidung wieder an der Tür angekommen ist. In der Mitte des Saals sind zum Verzehr des Kuchens ein paar Tische und Stühle aufgebaut, dazwischen zwei Regale mit CDs und DVDs.

Ankündigung vor Veldons Pub, © 2019 Jürgen KullmannDie Preise sind so niedrig angesetzt, dass man ein schlechtes Gewissen hat sie herunterzuhandeln, eher ‘für den guten Zweck’ noch etwas drauflegen möchte. Ich entdecke ich ein Heft mit Tagebuchaufzeichnungen, Gedichten und Notizen zweier Künstler, Lol Hardiman und Cyril O’Flaherty, die im Sommer 2011 zwei Monate lang auf der nicht dauerhaft bewohnten Insel Inis Lacken in der Roundstone Bay verbracht hatten. Inish Lacken Revisited lautet der Titel, revisited deshalb, weil auf der Insel zu Beginn der 1950er Jahre drei Maler einen Sommer verbracht hatten, über den ein halbes Menschleben später einer von ihnen ein – wie finde ich – großartiges Buch veröffentlicht hatte. Das Heft ist sauber, fast wie neu. Bei der Frage nach dem Preis kommt ein zögerliches “50 Cent?”; ich krame ein Eurostück hervor und verzichte auf das Wechselgeld.

Am Nachmittag lunchen wir im Angler’s Rest, stellen anhand eines Aushangs fest, dass hier gestern Abend die Musik gespielt hatte. Ärgerlich, und hatten wir doch “Kein Schild draußen, keine Musik drinnen” gedacht. Dabei gab es immer mal Zeiten, in denen Livemusik nicht öffentlich angekündigt wurde. Wir bestellen zweimal Seafood Chowder zu € 6,95, vermutlich zubereitet von Milch-und-Honig, die mit umgebundener Schürze hinter der Theke auftaucht, uns nach einigem Zögern – sind sie’s oder sind sie’s nicht? – ein “welcome back” wünscht. Ihre jüngste Tochter ist mittlerweile 22, erzählt sie. Heiliger St. Patrick, da muss sie schon über 40 sein! Als wir sie kennen lernten, ging sie noch in Kylemore zur Schule. Bezüglich unserer accommodation im nächsten Jahr, sollten dann die Cottages wie geplant umgebaut werden, empfiehlt sie Anne Jack zu kontaktieren. Auch heute Abend gib es Musik im Angler’s Rest, verrät sie, “but not traditional” also eher nichts für uns nach ihrer (nicht ganz falschen) Einschätzung.

Wir geben der Musik dennoch eine Chance, tauchen kurz vor zehn im Pub auf, wozu wir nur über die Straße müssen. Vorne links der Bar, wo sonst immer die Musiker sitzen, tut sich nichts, doch ganz hinten rechts, wo bei unserem ersten Irlandaufenthalt im Jahr 1992 Frank seine elektrische Gitarre erklingen ließ und sein Sohn Kevin die Tasten seines Keyboards anschlug, steht jetzt wieder ein solches Instrument, gespielt von einem Mann im fortgeschrittenen Rentenalter. Doch so sehr anders als damals klingt die Musik auch nicht.

 
*  *  *  Fortsetzung folgt  *  *  *

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Reiseberichte Irland: Connemara 2019
© 2020 Jürgen Kullmann – Letzte Bearbeitung: 22.10.20